Interreligiöser Dialog: Anthroposophie/Waldorfpädagogik II - 4.2.11
II - 4.2.11 Interreligiöser Dialog: Anthroposophie und Waldorfpädagogik
Von Johannes Kiersch
Rudolf Steiner (1861-1925), der Begründer der Anthroposophie, wird von sei
nen maßgeblichen Biographen als eigenständiger christlicher Mystiker aufge
faßt, der nach zeitweiliger Identifikation mit den Ideen Nietzsches und Haeckels
und kritischen Äußerungen über den erstarrten und veräußerlichten Kirchen
glauben die Möglichkeit einer individuellen Christus-Erfahrung in der Nach
folge des Paulus bezeugt und von daher eine Wiederbelebung aller Religionen,
gleich welcher Richtung, erhofft (Lindenberg 1995, Wehr 1987). Er knüpft
damit an die Tradition der Aufklärung in der Gestalt des späten Lessing an,
bezieht sich auf Fichte, Novalis und vor allem auf Goethe, dessen naturwissen
schaftliche Schriften er herausgibt, eingehend kommentiert und zu einer religi
ös orientierten Naturwissenschaft eigener Prägung weiterbildet (Schad 1982
ff.). Hieraus entwickeln sich die Anthropologie und das methodisch-didakti
sche Konzept der Waldorfpädagogik (Kiersch 1997).
Steiner sieht keinen Widerspruch zwischen seiner Lehre und den großen Re
ligionen. Er ist der Auffassung, daß Anthroposophie „das wahrhafte religiöse
Bekenntnis niemals stören ..., sondern nur vertiefen kann“ (GA 72. Vgl. dazu
auch Binder 1989, Gädeke 1990, Kriele 1996). So gibt es denn inzwischen,
neben den religiös neutralen oder christlich-konfessionell gebundenen, auch
buddhistische, islamische und jüdische Anthroposophen. Die Waldorfschulen
legen Wert auf eine religiöse Erziehung und bieten mit ihrem Lehrplan dafür
reiche Anknüpfungsmöglichkeiten. So gehören dort zum Erzählstoff für die
jüngeren Kinder Märchen und Heiligenlegenden, die großen Mythenkreise des
Alten Testaments, der Edda und der griechischen Antike; im Literatur- und
Geschichtsunterricht der Oberstufe spielen die Kulturen des Vorderen Orients
und des christlichen Mittelalters eine bedeutende Rolle. Über den eigentlichen
Religionsunterricht entscheiden jedoch die Eltern.
Die im Rahmen der Anthroposophischen Gesellschaft gepflegte Esoterik Steiners
kennt vielfältige Bezüge zu den großen Religionen besonders im Bereich der
Lehre von den Engeln, (Kirste/Schwarzenau/Tworuschka 1992), der Karma-
Lehre (Zander 1995) und der Darstellung esoterischer Übungswege. Vorurteile
gegenüber dem Islam, die zeitweilig unter Schülern Steiners verbreitet waren,
werden inzwischen auch von anthroposophischer Seite deutlich kritisiert
(Röschert 1993). Wilhelm Maas spricht sogar von einer „Konvergenz islamisch-
traditionaler und christlich-anthroposophischer Leitlinien für einen Religions
dialog“ (Maas 1991, S. 5.215).
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1. EL 1998 1
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II - 4.2.11Interreligiöser Dialog: Anthroposophie/Waldorfpädagogik
Literatur
Binder, A.: Wie christlich ist die Anthroposophie? Stuttgart 1989
Gädeke, W.: Anthroposophie und die Fortbildung der Religion, Flensburg 1990
Kiersch, J.: Die Waldorfpädagogik, 8. Aufl. Stuttgart 1997 (mit kommentierter Biblio
graphie)
Kirste, R./Schwarzenau, P./Tworuschka, U.: Engel - Elemente - Energien. Religionen im
Gespräch (RIG) 2, Balve 1992
Kriele, M.: Anthroposophie und Kirche. Erfahrungen eines Grenzgängers, Freiburg i. Br.
1996
Lindenberg, Ch.: Individualismus und offenbare Religion. Rudolf Steiners Zugang zum
Christentum. Erweiterte Neuausgabe, Stuttgart 1995
Maas, W.: Arabismus, Islam, Christentum. Konflikte und Konvergenzen, Stuttgart 1991
Röschert, G.: Anthroposophische Urteilsbildung über den Islam. In: Jahrbuch für an
throposophische Kritik 1993, München 1993, S. 27-30.
Schad, W. (Hg.): Goetheanistische Naturwissenschaft. 4 Bde, Stuttgart 1982 ff.
Steiner, R.: Das Christentum als mystische Tatsache und die Mysterien des Altertums,
9. Aufl. Dörnach 1989 Gesamtausgabe (GA 8)
Ders. : Die Mystik im Aufgang des neuzeitlichen Geisteslebens und ihr Verhältnis zur
modernen Weltanschauung. 6. Aufl. Dörnach 1987 (GA 7).
Ders.: Die Geheimwissenschaft im Umriß, 30. Aufl. Dörnach 1989 (GA 13)
Ders.: Freiheit - Unsterblichkeit - soziales Leben, Dörnach 1990 (GA 72)
Wehr, G: Rudolf Steiner, München 1987
Zander, H.: Reinkarnation und Christentum. Rudolf Steiners Theorie der Wieder
verkörperung im Dialog mit der Theologie, Paderborn u. a. 1995
2 Westarp Science - Fachverlage
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