Interreligiöser Dialog: Hinduismus II - 4.2.8
II - 4.2.8 Interreligiöser Dialog: Hinduismus
Von Diviratha Dasa (Dirk Büchner)
Allgemeine Situation
Den gegenwärtigen Zustand des Dialoges zwischen Christen und Mitgliedern
von asiatischen Religionsgemeinschaften könnte man in etwa mit Individual-
Dialog umschreiben. Es gibt von beiden Seiten kaum ein systematisches Vor
gehen, einen interreligiösen Dialog zu suchen. Man scheint es den einzelnen
Mitgliedern der jeweiligen Gemeinschaften zu überlassen, ob sie sich in solche
Dialoge und Begegnungen begeben wollen oder nicht.
Es geht hauptsächlich um Gemeinschaften, die ihren Ursprung in Asien, ins
besondere in Indien, bzw. im Hinduismus haben. Eingeschlossen wurden auch
Gemeinschaften, die zwar ihre Wurzeln in Indien sehen, aber es bewußt ableh
nen, als hinduistische Gemeinschaften betrachtet zu werden. Man sieht sich als
Vertreter einer „universellen“ Wahrheit (z.B. Brahma Kumaris, Sri Chinmoy),
die keiner bestimmten Religion zugehörig oder Tradition verpflichtet ist.
Die meisten asiatischen Religionsgemeinschaften sehen keine Notwendigkeit,
oder keine organisatorische Möglichkeit (die meisten Gemeinschaften sind sehr
klein), einen systematischen Dialog zu führen. Alle Gemeinschaften gaben an
dererseits aber an, daß ihre Mitglieder persönliche Kontakte und individuelle
Begegnungen mit dem Christentum haben, und daß man diesen Kontakten auch
durchaus wohlwollend gegenüberstehe.
Gründe
Von Seiten des Christentums:
Erst vor 20 bis 30 Jahren begann das Verständnis zu reifen, daß auch in anderen
Religionen göttliche oder heilige Elemente vorhanden sind (siehe z.B. 2. Vati
kanisches Konzil). Die ersten Schritte in der Begegnung mit anderen Religio
nen wurden zuerst mit den beiden anderen Abrahamitischen Religionen unter
nommen, dem Judentum und dem Islam.
Mit Judentum und Islam hatte man schon Erfahrungen durch Jahrhunderte hin
durch gesammelt. Asiatische Religionsgemeinschaften erschienen in nennens
werter Größe erst in den 60er Jahren.
Die asiatischen Religionsgemeinschaften stellen sich erheblich differenzierter
dar, als die Abrahamitischen Religionen. Der oft geringere hierarchische Auf
bau der asiatischen Gemeinschaften macht es schwer, Ansprechpartner zu fin
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1. EL 1998 1
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den bzw. einen kontinuierlichen Dialog aufzubauen (Ausnahme: ISKCON, die
1992 ein Mitglied als Beauftragten für interreligiöse Angelegenheiten berief).
Die meisten Mitglieder der asiatischen Religionsgemeinschaften waren Laien
bzw. nicht besonders akademisch geschulte Personen; auch dies scheint einen
Dialog auf Organisationsebene stark erschwert zu haben.
Viele der Gemeinschaften wurden seit Beginn oder während ihres Wirkens in
Deutschland mit dem Stempel der Sekte versehen. Sie erschienen sozusagen
als „Schmuddelreligionen“ (Kehrer), mit denen man möglichst keinen Kontakt
hat.
Interreligiöser Dialog wird überwiegend als Luxus gesehen, den man sich (viel
leicht) leisten kann, dem man aber zumindest keine besondere Aufmerksam
keit widmen muß.
Von Seiten der asiatischen Religionsgemeinschaften
Die überwiegend stark auf das Innenleben ausgerichteten asiatischen Gruppen
lassen oft Verbindungen zur „Außenwelt“, und damit auch den Dialog mit an
deren Religionen, als weniger wichtig erscheinen. Man wendet sich erst dann
dem Dialog zu, wenn man in der Verbesserung seiner angestrebten Spiritualität
ein zufriedenstellendes Maß gefunden hat.
Jene Gemeinschaften, die überwiegend oder ausschließlich indische Mitglie
der haben, verstehen ihre Gemeinschaften mehr als religiöse, kulturelle und
soziale Einrichtungen, um ihre bereits gelebte und bekannte Tradition nun auch
hier im Westen wieder aufzunehmen. Ein Dialog wird zwar nicht abgelehnt, ist
aber nicht Teil der Aufgaben der Gemeinschaft. Es geht im wesentlichen erst
einmal darum, die eigene Identität nicht zu verlieren.
Die Vorstellung der meisten Gemeinschaften, daß jeder sich auf seinem indivi
duellen Weg hin zu Gott oder dem Göttlichen (oder auch sich von diesem ent
fernend) befindet, führt in der Regel zu einer Haltung großer Toleranz gegen
über anderen Wegen und Religionen, verbunden mit der Gewißheit, daß jeder
jene Religion lebt, die er sich sucht bzw. verdient hat, die „zu seinem karma
(Lebensweg, Schicksal) paßt“. Es wird deshalb oft einfach als unwichtig be
trachtet, was andere Menschen religiös empfinden oder praktizieren. Der eige
ne Glaube ist das Wesentliche.
Die Haltung insbesondere der beiden Volkskirchen (interessanterweise haben
die meisten asiatischen Gruppen weniger Probleme im interreligiösen Dialog
mit den Katholiken als mit den Protestanten) wird fast einhellig als dogma
tisch, verkrustet, überheblich, gewalttätig, kurz als dialogschädlich empfun
den. Es wird aber gleichzeitig eingeräumt, daß es im Verhalten einzelner Chri
sten Ausnahmen gibt. Natürlich fühlen sich hier besonders jene Gruppen unge
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