Drei-Religionen-Grundschule II - 4.2.2.2
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 45. EL 2015 1
OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 12.08.2015 Druckdaten Seite 1
II - 4.2.2.2 Drei-Religionen-Grundschule – Versuch der In-
stitutionalisierung religiösen und interreligiösen
Lernens in einer jüdisch-christlich-islamischen
Kooperation
Von Winfried Verburg
Die Begegnung von Menschen verschiedener Religionen von Angesicht zu
Angesicht bezeichnet der Religionspädagoge Stephan Leimgruber als den
„ ,Königsweg‘ für interreligiöses Lernen“
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. Dieser Königsweg wird in Schu-
len nur selten beschritten; denn entweder fehlen Schülerinnen, Schüler und
Lehrpersonen der verschiedenen Religionen
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, oder, falls sie doch in der Schule
leben und arbeiten, werden die Chancen, die schultägliche Begegnung von Men-
schen unterschiedlicher Religion für das Lernen sowohl der eigenen Religion
als auch für das Lernen von Menschen anderer Religionen zu nutzen, nicht
ergriffen, weil die bleibende Differenz in religiösen Fragen und Antworten dem
Schulfrieden abträglich sein könnte und daher Religion aus dem öffentlichen
Schulleben möglichst herausgehalten werden und in der Sphäre des Privaten
verbleiben solle. Will man an einer Schule dennoch den Königsweg wählen,
sind zwei Voraussetzungen zu schaffen: Man muss erstens dafür sorgen, dass
Schülerinnen, Schüler, Lehrerinnen, Lehrer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
aller Religionen, mit denen an der Schule der Dialog geführt werden soll, in der
Schule sind. Als weitere notwendige Bedingung muss man zweitens die Schule
so konzipieren, dass die verschiedenen Religionen, ihre Überzeugungen und
sich daraus abgeleitete Lebenspraxis im Unterricht – nicht nur im Religionsun-
terricht – und im Schulleben zum Thema werden; denn „interreligiöses Lernen
braucht Religionsunterricht und mehr als Religionsunterricht.“
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Auf diesem Weg, begrenzt auf den Trialog von Juden, Christen und Muslimen
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,
startete mit dem Schuljahr 2012 / 13 in Osnabrück eine Grundschule in Träger-
schaft der katholischen Kirche in Kooperation mit der jüdischen Gemeinde
Osnabrück und den islamischen Landesverbänden Schura Niedersachsen e. V.
und DiTiB Niedersachsen und Bremen e. V.; beide vertreten als Dachorganisa
tionen die meisten Moscheegemeinden im Einzugsgebiet der Schule. Gemein-
sam ist den Kooperationspartnern die Erfahrung der Minderheit, wenngleich in
verschiedener Deutlichkeit. Minderheitenerfahrungen fordern religiöse Bildung
heraus
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, zugleich lassen sie Wege zu, die religiös homogene Mehrheiten eher
nicht einschlagen würden.
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OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit
Stand: 12.08.2015 Druckdaten Seite 2
Als Schule in freier Trägerschaft hat diese Grundschule keinen festen Einzugs-
bereich, sondern steht als Angebot Eltern des gesamten Stadtgebietes offen.
Vertraglich haben sich die Partner verständigt, dass Kinder aller drei Reli
gionen aufgenommen werden; falls die Zahl der Anmeldungen die der Plätze
überschreitet, werden die Plätze zu gleichen Teilen auf die Religionen verteilt.
Bei entsprechender Anwahl der Schule ist die erste Bedingung für Schülerin-
nen, Schüler und Eltern damit geschaffen. Der Einsatz von Lehrerinnen und
Lehrern aller drei Religionen ist obligatorisch, nicht nur im Religionsunterricht.
Im Sinne der positiven Religionsfreiheit sind die Lehrkräfte an dieser Schule
auch außerhalb des Religionsunterrichts nicht zu weltanschaulicher Neutrali-
tät verpflichtet, jedoch zu Respekt und Toleranz gegenüber Schülerinnen und
Schülern, Eltern und Kolleginnen und Kollegen, die sich zu den anderen Reli-
gionen bekennen, und deren religiösen Überzeugungen. Daher ist auch religiös
motivierte Kleidung oder Schmuck (Kippa, Kopftuch, Kreuz) zulässig. Ergänzt
wird die Begegnung von Menschen der drei Religionen durch den Beirat, der
im Folgenden noch beschrieben wird.
Die zweite Bedingung ist komplexer und bedarf einiger theoretischer Positionie-
rungen: Das religionspädagogische Konzept der Schule stellt einen Versuch dar,
religiöses Lernen unter den Bedingungen einer Schule der Primarstufe zu er-
möglichen in der Spannung zwischen religiöser Identität und Alterität. Eigener
Religionsunterricht, Lehrpersonen der eigenen Religion und die Institutionen
der Kooperationspartner unterstützen eine altersgemäße Selbstvergewisserung
des eigenen Standpunktes. Die Konfrontation mit Lebensformen und Überzeu-
gungen von Kindern, Eltern und Lehrpersonen anderer Religionszugehörigkeit
im Schulalltag führt zu einer Auseinandersetzung mit dem religiös Fremden
und damit auch zur Erfahrung der Positionalität der eigenen Sichtweisen. Durch
Auseinandersetzung mit dem Alteritären, dem Fremden wird das Eigene be-
wusst.
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Dieses Bewusstsein ist für Religionen wichtig, die eine bewusste Glau-
bensentscheidung anstreben, und zudem eine Voraussetzung für die Fähigkeit,
die eigene Religionszugehörigkeit in religiös pluralen Lebenswelten plausibel
zu machen – eine Kompetenz, über die alle jungen Menschen zukünftig zu-
nehmend verfügen müssen. Die Zumutung der Auseinandersetzung mit dem
Fremden wird vom Schulträger nicht als Erschwernis für die Entwicklung der
eigenen religiösen Identität angesehen, sondern als Ermöglichung der Erkennt-
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und als religionspädagogisch fruchtbar
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.Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 12 Seiten
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