FünFhundert Jahre täuFerbewegung II - 2.2.7
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen | 72. EL 2022 1
Zusammenfassung
In Deutschland lässt sich eine lange herrschende Tradition der Ausgrenzung
des Täufertums beobachten, die von der Gegenwart bis in das 16. J ahrhun-
dert zurückreicht. Das wird an zwei Beispielen aufgezeigt: dem „Grund-
lagentext“ der EKD „Rechtfertigung und Freiheit. 500 Jahre Reformation
2017“ und einer im 19. J ahrhundert erschienenen Geschichte der christlichen
Kirche. Die Reformation steht dem Täufertum „gegenüber“; die Schwärmer,
wie in der Imkersprache formuliert wird, bilden keinen Teil der Reformation,
weil diese falschen Geister wider die göttliche und menschliche Ordnung den
Bienenstock verlassen haben. Man kann sie einfach töten. Die Taufgesinnten
sind aber Teil der Reformationsgeschichte, und es geht um eine faire und
gerechte Auseinandersetzung mit dem „linken Flügel der Reformation“ und
den Täuferkirchen. Das will ein Verein erreichen, der eine halbe Dekade
zwischen 2020 und 2025 unter dem Motto „Gewagt! 500 J ahre Täuferbe-
wegung“ geplant hat. Der fünfjährige Weg soll anhand von Jahresthemen
über Geschichte, Tradition und Erbe der Täuferkirchen, über Niedergang
und Erneuerung, Glaubensmut und Glaubensschwäche informieren und dazu
ermutigen, über den eigenen Glauben heute in ökumenischer Verantwortung
zu reflektieren.Schlagwörter
Ausgrenzung der Täufer aus Reformationsgeschichte, Baptisten, Erinne-
rungskultur, „Gewagt! 500 Jahre Täuferbewegung“, Gewissensfreiheit,
Glaubenstaufe, Bekenntnistaufe, Kindertaufe, Mennoniten, „Rechtfertigung
und Freiheit“, (radikale) Reformation, Religionsfreiheit, Schwärmer, Sekten,
Täuferbewegung, Taufzwang, „Wiedertäufer“ (Anabaptisten)
II - 2.2.7 F ünfhundert Jahre Täuferbewegung
[Five Hundred Years of the Anabaptist
M ovement]
erich geldbach
Submitted December 08, 2021, and accepted for publication April 01, 2022
Editor: Thomas Hahn-Bruckart
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II - 2.2.7 F ünFhundert Jahre täuFerbewegung
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© Westarp Science Fachverlag
Summary
In Germany, one can observe an elimination of the “baptizersˮ from refor-
mation history which reaches from the present back to the 16
th
century. Two
examples are presented: One is the “basic textˮ of the Evangelical Church in
Germany “Justification and Freedom. 500 Years of the Reformation 2017ˮ,
published in 2014, and the other is a 7-volume History of the Christian Chur-
ch which was published in mid-19
th
century. The reformation “opposedˮ the
baptizers. The swarmers are not part of the reformation as these evil spirits
left the beehive contrary to both divine and human order. They can simply
be put to death. The contention in the present article is that the baptizers
in all of their diversity are part of reformation history. What is needed at
present is a just and fair discussion of the “left wing of the reformationˮ and
the “baptizer churchesˮ. This is the aim of a society which was organized
to plan and to realize a 5-year common path with annual themes under the
over-all title “Daring! The Anabaptist Movement, 1525‒2025”. The baptizers
dared much as they wanted to lead a life aligned with biblical standards. They
advocated freedom of faith and nonviolence, and for that, they suffered per-
secution, discrimination, death and forced migration. “Daring!” calls upon
the ecumenical fellowship to consider the past and to reflect what it means
to be a Christian in the 21
st
century.
Keywords
Anabaptist movement, baptism upon confession of faith, Baptists, culture of
remembrance, “Daring! The Anabaptist Movement, 1525–2025ˮ, elimination
of baptizers from reformation history, freedom of conscience, forced bap-
tism, “Justification and Freedomˮ, Mennonites, pedobaptism, rebaptizers,
reformation, religious liberty, sects, swarmers.
1 Die Erzählung der Reformation durch Lutheraner und das
Erinnerungsnarrativ sind defizitär
Das Jahr 1517 markiert bis heute im Erinnerungsnarrativ der Lutheraner den Beginn der Reformation, während 1519 als Startpunkt der Reformierten gilt.
Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hatte als Vorbereitung auf das
Jahr 2017 eine „Dekade“ zur programmatischen und pädagogischen Hinfüh- rung auf das „Reformationsjubiläum“ geplant und fantasievoll durchgeführt. Allerdings wurde auch deutlich, dass sich zum einen eine starke, ja zu starke
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Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
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