Die Pfingstkirchen in Deutschland II - 2.2.2.11
II - 2.2.2.11 Die Pfingstkirchen in Deutschland
Von Erich Geldbach
Zur Entstehung der Pfingstbewegung außerhalb Deutschlands
Die Namen „Pfingstbewegung“, „Pfingstkirche(n)“, „pentekostale Kirche(n)“
oder auch „Pentekostalismus“ leiten sich von dem in der Apostelgeschichte
(2,1 ff.) überlieferten Pfingstwunder ab (Pfingsten = Pentekost). Die Apostel
geschichte berichtet, dass - in Erfüllung der Verheißung des Propheten Joel -
der Heilige Geist über die versammelte Jüngergemeinde kam. Außenstehende
gewannen den Eindruck, die Männer und Frauen seien „trunken“, weil sie „in
anderen Zungen“ zu reden begannen, wie der Geist es ihnen auszusprechen
gab. Als am 1. Januar 1901 der jungen Bibelschülerin Agnes Ozman an der
Bethel Bible School in Topeka, Kansas, eine besondere religiöse Erfahrung
zuteil wurde, interpretierte der Leiter der Bibelschule, Charles Fox Parham (1873-
1929), dies als Geisttaufe mit Zungenrede. Sein Interesse an dieser Frage war
durch Berichte gefördert worden, dass es auf den Missionsfeldern bereits zu
solchen Erfahrungen gekommen sei. Er meinte, dies sei „Reden in fremder
Sprache“ (Xenolalie) und zog daraus den weitreichenden Schluss, dass jeder
Christ mittels dieser Gabe Missionar werden könne. Das „Feld“ sei daher reif
zur Ernte und Schnitter könnten genügend bereit stehen, wenn sie über diese
Gabe verfügten. Das würde auch bedeuten, dass die Wiederkunft Christi un
mittelbar bevorstehe
1
. Denn die Jetztzeit würde der Anfangszeit der Kirche
gleichen: Eine erneute Ausgießung des Heiligen Geistes, ein zweites Pfingsten,
sei wie der „Spätregen“, der dem „Frühregen“ der Apostelzeit folgt und das
baldige Ende der Welt andeutet.
Das geistliche Klima, in dem die moderne Pfingstbewegung entstand, ist
wesentlich durch die Heiligungsbewegung bestimmt. Seit den Tagen John
Wesleys (1703-1791), des Begründers des Methodismus, war es immer wieder
zu Versuchen gekommen, die christliche Gemeinde an ihre Verpflichtung zur
Heiligung zu erinnern. Wesley selbst hatte von einem zweiten Segen ge
sprochen, wenn der Heilige Geist den Menschen ergreift, um ihn nach der
Rechtfertigung zu heiligen, das heißt ihn immer weiter anzuleiten, ein geheiligtes
Leben zu führen. Das Ziel der Heiligung wurde von Wesley als Vollkommenheit
definiert. Er bezog sich dabei auf den Ausspruch Jesu an seine Jünger: Seid
vollkommen, wie Euer Vater im Himmel vollkommen ist. Allerdings war Wesley
sehr vorsichtig. Er selbst behauptete von sich nie, dieses Ziel erreicht zu haben.
Auch berichtete er nur von ganz wenigen Menschen, von denen er der Meinung
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 10. EL 2005 1
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war, diese hätten das Ziel erreichen dürfen. In der späteren Entwicklung wurde
das Ziel, aber auch die Vorsicht häufig aus den Augen verloren, so dass es
innerhalb und außerhalb des Methodismus immer wieder zu Bewegungen kam,
die zur aktiven Heiligung zurückriefen. Die Heiligungsbewegung lässt sich daher
als „Spross“ des Methodismus verstehen, und weil die Pfingstbewegung eng
mit der Heiligungsbewegung verzahnt ist, wird man sie als späten Seitentrieb
des Methodismus einordnen können.
Die Herleitung der Pfingstbewegung aus Methodismus und Heiligungs
bewegung wird unterstrichen, wenn man an den schwarzen Prediger William
Joseph Seymour (1870-1922) denkt. Dieser war zunächst Mitglied einer
schwarzen Methodistengemeinde, bevor er sich dann als Pastor einer Hei
ligungskirche betätigte, zeitweilig unter den Einfluss des oben erwähnten Charles
Fox Parham geriet und dann nach Los Angeles übersiedelte. In der Azusa Street
begann er 1906 mit Gottesdiensten, die wegen der Zungenrede und nicht zuletzt
wegen der Hautfarbe des Predigers Seymour von turbulenten Szenen begleitet
wurden. Die negativ gemeinte Bezeichnung „Zungenbewegung“ bürgerte sich
ein, vor allem wegen der Presseberichte. Trotzdem wurden drei Jahre lang täglich
(!) mehrere Gottesdienste gefeiert, um des Andrangs der Menschen Herr zu
werden. Bemerkenswert ist, dass in dieser Zeit weder Geschlecht noch Hautfarbe
bei den Feiernden eine Rolle spielten. Erst als sich die Bewegung verfestigte,
gewisse Strukturen annahm und sich weiße Männer an die Spitze setzten, kam
es zu den üblichen Diskriminierungen gegen Frauen und Schwarze. Enttäuscht
stellte Seymour gegen Ende seines Lebens fest, dass nicht die Zungenrede,
sondern die Überwindung der Rassenschranken das wahre Zeichen der
Geisttaufe sei.
Sechs Jahre vor dem Auftreten Seymours waren armenische Flüchtlinge nach
Los Angeles gekommen. Sie waren aufgrund einer Prophetie, wonach die
Armenier von den Türken in einem Krieg niedergemacht werden würden, in die
USA ausgewandert. Bereits in ihrer Heimat waren sie Presbyterianer gewesen,
und unter ihnen hatte es eine Bewegung mit Zungenrede gegeben. Das
bedeutet: In der noch jungen, sich aber rasant entwickelnden Stadt Los Angeles
treffen zwei ähnliche Bewegungen aufeinander, die unter gänzlich verschiedenen
kulturellen Bedingungen entstanden waren: die ekstatisch-prophetische
Frömmigkeit der Armenier und die Heiligungsfrömmigkeit afro-amerikanischen
Zuschnitts. Das Zusammen fließen dieser beiden Ströme erschüttert nicht die
These, dass die Pfingstbewegung aus der Heiligungsbewegung herzuleiten
sei. Denn diese Tradition ist zweifellos vorherrschend und blieb dominant. Die
Armenier sahen in den Vorgängen der Azusa Street Parallelen, behielten aber
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Der vollständige Artikel umfasst 16 Seiten
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