Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (STA) II - 2.2.2.10
II - 2.2.2.10 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (STA)
Der Beginn der STA ist in einem endzeitlichen Klima zu suchen, den der Far
mer William Miller (1782-1849) mit seinen Berechnungen der Wiederkunft
Christi (nach einer Korrektur auf den 22. Oktober 1844) erzeugt hatte. Eine
geradezu fieberhafte Bußbewegung ergriff viele Menschen. Manche verkauf
ten ihren Besitz und überantworteten das Geld der Bewegung zur Verbreitung
der endzeitlichen Botschaft. Menschen gaben ihren Beruf auf, um zu predigen,
Farmer ließen die Ernte auf dem Halm oder das Obst auf den Bäumen, und
selbst beim Finanzamt gingen Steuernachzahlungcn ein, weil man meinte, in
Kürze vor dem Richter aller Menschen erscheinen zu müssen. Es ist einleuch
tend, daß in diesem spannungsgeladcnen Klima auch die Enttäuschung beson
ders groß gewesen sein muß, als sich die Berechnungen als unzutreffend erwie
sen. Die Miller-Bewegung war damit am Ende, nicht aber die Advent-Bewe
gung.
Zunächst hatte der Farmer Hiram Edson (1806-1882) nach der vergeblich durch
wachten Nacht am nächsten Morgen die Erkenntnis, daß das Datum richtig sei,
daß aber an diesem Tag Christus in das Allerheiligste des himmlischen Heilig
tums cingetreten sei, um dort seinen „Schlußdicnst“ als Mittler, Versöhner und
Richter zu beginnen. Damit ist das Nichterscheinen Christi auf Erden erklärt,
und man kann an dem Datum sowie an der Naherwartung festhalten. Zu ihm
stieß Joseph Batcs (1792-1872), der von der kleinen Gemeinschaft der Sicben-
tcn-Tags-Baptisten die Sabbatlehre übernahm und der sich mit dem organisato
risch geschickten James White (1821-1881) verband. Dieser erkannte die Be
deutung der Visionärin Ellen Gould Harmon (1827-1915) und heiratete sic 1846.
Wenige Wochen nach der Hochzeit feierten sic den Sabbat.
Ellen G. White sah in einer ihrer vielen Visionen die Gesetzestafeln im himm
lischen Heiligtum, wobei das Gebot „Du sollst den Sabbat heiligen“ in leuch
tenden Buchstaben hervorstach. Daraus zog man den Schluß, daß die Heili
gung des Sabbats die eigentliche Trennwand zwischen dem wahren Israel und
den Ungläubigen sei.
Dazu kommen die Untcrschcidungslehrcn - vor allem die dreifache Engels
botschaft nach Offenbarung 14, 6-12, die zusammen mit der Sabbatheiligung
dazu beitrugen, in den Adventgläubigen ein Selbstbcwußtsein aufkommen zu
lassen, das sich von allen anderen Kirchen abgrenzt. In den Kirchen konnte
man nur die große Hure erkennen, während man selbst das Malzeichen des
Tieres nicht trägt. Dieser anfängliche Ausschließlichkcitsanspruch und die Tat
sache, daß die neue Bewegung in ihrem Namen zwei fundamentale Sonder-
lehrcn nannte - die Sabbatheiligung und die Naherwartung - bedingten, daß
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
--- Seite 1 Ende ---
II - 2.2.2.10 Die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten (STA)
man die 1863 als eigenständige Gemeinschaft gegründet STA den christlichen
„Sekten“ zurcchnetc.
Dazu kam als dritter Faktor die Rolle einer Frau bei der Gründung der Gemein
schaft. Dies war im 19. Jahrhundert alles andere als selbstverständlich; cs war
im Gegenteil ausgesprochen anstößig. Diese Anstößigkeit erhöhte sich noch
zusätzlich, weil es sich bei der Frau um eine Visionärin handelte. Sie galt (und
gilt) den Adventgläubigen als Trägerin des „Geistes der Weissagung“ und war
damit zugleich auch in ein endzeitliches Schema eingebunden. Ihre Zeugnisse
und Botschaften hatten großes Gewicht, so daß die Gegner leicht unterstellen
konnten, daß die Heilige Schrift durch das umfangreiche Schrifttum der White,
das auf ihren Visionen beruht, relativiert werde.
Stets stand für die STA fest, daß E.G. White eine endzeitliche Prophetin war.
Die Zuordnung von Heiliger Schrift und der „Gabe der Weissagung“ wurde
von der Generalkonfercnz der STA 1980, offenbar einem Bedürfnis folgend
oder auf Anfragen von Innen und Außen reagierend, wie folgt vorgenommen:
„Eine der Gaben des Heiligen Geistes ist die Weissagung. Diese Gabe ist ein
Kennzeichen der Gemeinde der Übrigen und hat sich im Dienst von Ellen G.
White erwiesen. Die Schriften dieser Botin des Herrn sind eine fortwirkende,
bevollmächtigte Urkunde der Wahrheit und geben der Gemeinde Trost, Lei
tung, Unterweisung und Zurechtweisung. Sie heben auch deutlich hervor, daß
die Bibel der Maßstab ist, an dem alle Lehre und Erfahrung geprüft werden
muß“.
Die Schriften Whites werden so verstanden, daß „mit prophetischer Dringlich
keit“ von der Heiligen Schrift her Weisungen für das geistliche und sittliche
Leben gegeben werden. Der Zweck ihrer Schriften besteht nicht in einer Er
gänzung des Kanons; sie dienen auch nicht als Grundlage für die Lehre oder als
Ersatz der Schrift. Doch sind sie auch nicht einfach Ergebnis christlicher Fröm
migkeit, sondern gelten trotz einer breiten Nutzung anderer literarischer Quel
len, die zu dem Vorwurf des Plagiats geführt haben, als inspiriert.
Im Rheinland, besonders in Vohwinkel, Gladbach und Solingen gab es einige
Gruppen, die den Sabbat hielten. Daraus ging die erste deutsche Adventgemeinde
hervor. Im Jahre 1886 kam Ludwig Richard Conradi (1856-1939) aus Amerika
in seine Heimat zurück und führte die kleinen Anfänge fort. Sogar Ellen White
besuchte im Mai 1887 für wenige Tage die Adventgläubigen. Conradi zog 1889
nach Hamburg und wurde von dort der Pionier der STA-Arbeit in Deutschland.
In Friedensau bei Magdeburg entstand eine Missionsschule und ein Sanatori
um, wo die Friedensauer Schwesternschaft ausgebildet wurde. Nach der politi
schen Wende 1989/90 nutzten die STA die Gunst der Stunde und errichteten
dort eine Theologische Hochschule, die an die Stelle des Theologischen Semi
nars in Darmstadt trat.
2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten