II - 2.2.2.5

Evangelisch-methodistische Kirche (EmK)

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Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) II - 2.2.2.5 II - 2.2.2.5 Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) Von Karl Heinz Voigt 1. Zur Geschichte Die EmK ist im 18. Jahrhundert aus einer englischen Erweckungsbewegung unter dem Einfluß des Pfarrers John Wesley (1703-1791) entstanden. Es gibt eine enge Beziehung zu den Herrnhutern, weil Wesley bei einer stürmischen Überfahrt nach Amerika (1735) die Gelassenheit und Ruhe der mitreisenden Brüdergemeindler bewunderte und weil er später mit Zinzcndorfs Beauftrag­ tem in England, Peter Böhler, wochcnlange Aussprachen führte. Am 24.5.1738 fühlte er in einer Versammlung in der Londoner Aldersgate Street während der Verlesung von Luthers Vorrede zum Römerbrief sein Herz „merkwürdig er­ wärmt“, weil ihm bewußt wurde, daß das Evangelium gerade ihm galt. Er ver­ kündigte die reformatorische Botschaft von der Rechtfertigung des Gottlosen allein aus Gnaden. Der Kontext von Industrialisierung und englischem Deis­ mus gab der Verkündigung einen missionarischen Charakter, weil Wesley als Reiseevangelist Heilsfreude, Zuversicht und Hoffnung zu den Menschen brachte und auf Straßen und Plätzen predigte. Die Bewegung bereitete sich zunächst von England nach Amerika aus, später kam sic auf den europäischen Konti­ nent, nach Australien und Lateinamerika; heute wächst sic in Afrika und Asien stark. 2. Ausbreitung in Europa Im deutschsprachigen Europa begann die Arbeit der methodistischen Kirche in der Mitte des 19. Jahrhunderts, nachdem durch die 1848er Revolution Religi­ onsfreiheit in Aussicht stand. Heute arbeitet die Kirche in Deutschland, der Schweiz und in Österreich. Diese Kirchenzweige sind integrierte Teile der United Methodist Church, die sich als Wcltkirchc versteht. Der Bischofssitz für die Bundesrepublik Deutschland ist Frankfurt/Main. Der Bischof für die Schweiz, für Österreich und andere südcuropäischc Staaten hat seinen Sitz in Zürich. Weitere europäische Bischofssitze sind Helsinki (für Nordeuropa) und neuer­ dings Moskau (für die Länder der GUS). Diese Zweige der United Methodist Church, deren offizielle deutsche Überset­ zung „Evangelisch-methodistische Kirche“ lautet, arbeiten mit den methodisti­ schen Kirchen in England, Irland, Italien und Portugal im Europäischen Rat Methodistischer Kirchen zusammen. 3. Lehrbildung Im Unterschied zu den Konfessionskirchen der Reformationszeit hat die EmK keine Bekenntnisschrift als ein für allemal verbindliche Lehrnorm. Sic versteht Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 17 --- Seite 1 Ende --- II - 2.2.2.5 Evangelisch-methodistische Kirche (EmK) sich ökumenisch als eine Denomination. Ihre Lehrbildung vollzieht sich im Sinne des konziliaren Prinzips („Konferenzen“) in einem ständigen Prozeß. Dazu steht ein Diskussions-Rahmen („Quadrilateral“) bereit: Vorrang hat (1) die Bibel, danach sind weitere Hilfen: (2) die Tradition der Kirche (cinschl. der vorreformatorischen), (3) die Erfahrung und (4) die Vernunft. Dazu kommen neben den altkirchlichen Symbolen Dokumente aus der eigenen Geschichte: (1) Die Glaubensartikel der Kirche, (2) John Wesleys Lehrpredigten, (3) seine „Erklärenden Anmerkungen zum Neuen Testament“, (4) die frühen Protokolle der „Londoner Konferenzen“ und (5) die „Sozialen Grundsätze“. Die „Lehre, Verfassung und Ordnung“ regelt das kirchliche Leben rechtlich, ist aber nicht das Werk von Juristen, sondern das Ergebnis von Diskussionen, an denen Theologen wie Laien beiderlei Geschlechts beteiligt sind. 4. Theologie und Kirchenstruktur Die Theologie ist reformatorisch und knüpft hinsichtlich der Rechtfertigung an M. Luther, in anderen Fragen (Sakramente, Gottesdienst) mehr an reformierte Traditionen an. Eigene Akzente in Frömmigkeit und kirchlicher Praxis setzt sie auf der Basis reformatorischer Theologie in die Gestaltung der Kirchcnglicd- schaft. Die methodistische Praxis geht nicht von dem Ideal der Gleichsetzung von Bürgcrgcmcindc und Christengemeinde aus, sondern sicht in der Kirche die Gemeinschaft derer, die als Glaubende und als Suchende das Wort hören und die Sakramente empfangen wollen, um sich danach zu Mission und Diako­ nie senden zu lassen. Da eine Entscheidung zu Glauben und Kirchcnglicdschaft, die einander bedingen, weder durch familiäre Tradition vermittelt werden kann, noch altcrsbezogen (Konfirmation) ist, wird die Kirchenmitgliedschaft aufgrund eigener Entscheidung in der Regel als junger Erwachsener oder nach Kontak­ ten mit der Kirche völlig freiwillig vollzogen. Daraus, wie aus der klaren Staat- Kirchc-Trennung nach angelsächsischem Vorbild, ergibt sich wie selbstverständ­ lich, daß keine Kirchensteuer erhoben wird. Die freiwillig erworbene Kirchen- glicdschaft zieht die freiwillige Finanzierung der gesamten kirchlichen Arbeit nach sich. Ein anderer Akzent methodistischer Theologie ist die Verbindung von Recht­ fertigung und Heiligung, die notwendigerweise zu Frömmigkeit als ausgeübter Glaubcnspraxis führt. Zur Predigt können Männer und Frauen beauftragt wer­ den. Neben den Theologen gibt cs ausgebildete Laienprediger und Laien­ predigerinnen. Die Aufsicht über die verschiedenen Regionen der Kirche er­ folgt durch Bischöfe, die Leitung durch „Konferenzen.“ Der Dienst der Bi­ schöfe wie der Superintendenten ist funktional und zeitlich begrenzt. Naturgemäß ist die methodistische Kirche in ihren weltweiten Strukturen und ver­ fassungsmäßiger Verbundenheit („Connexio“) von Anfang an staatsunabhängig. 18 Westarp Science - Fachverlage
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