Herrnhuter Losungen II - 2.2.2.4.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 53. EL 2017 1
II - 2.2.2.4.1 Die Herrnhuter Losungen – Geschichte, Theolo-
gie und Aktualität
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Von Peter Zimmerling
Entstehung und Erfolgsgeschichte
Der „Erfinder“ der Herrnhuter Losungen war Nikolaus Ludwig Graf von Zin-
zendorf (1700–1760), einer der bedeutendsten und umstrittensten evangelischen
Theologen des 18. Jahrhunderts. Die Losungen entstanden am Ende der 1720er-
Jahre im Rahmen der noch jungen Herrnhuter Brüdergemeine, die in der Fol-
gezeit durch ihre Missions- und Diasporaarbeit weltweit expandierte. Beim
Tod des Grafen gab es auf allen damals bekannten Kontinenten Herrnhuter
Siedlungen.
Als Zinzendorf am 3. Mai 1728 in der abendlichen Singstunde der Herrnhuter
Gemeine eine Losung für den nächsten Tag mitgab, hat sicher niemand damit
gerechnet, dass damit eine atemberaubende Erfolgsgeschichte begann. Inzwi-
schen sind die Losungen das mit Abstand am weitesten verbreitete Andachts-
buch des Protestantismus. Die erste Losung hat der Graf selbst gedichtet:
„Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riss ihn von dem Thron. Und ich sollte
ihn nicht lieben?“
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Von da an wurde es feste Sitte, dass ein oder mehrere Gemeindeglieder ein kur-
zes Wort aus der Bibel oder eine Liedzeile am Morgen in die damals 32 Häuser
Herrnhuts brachten. Aus dieser ersten Phase der Losungen ist nur ein Fragment
aus dem Jahr 1729 erhalten, das vom 1. Januar bis zum 14. September reicht.
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Die zweite Phase der Erfolgsgeschichte begann mit dem ersten gedruckten
Losungsbuch von 1731, von Zinzendorf selbst zusammengestellt.
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Seitdem ist
es bis heute in ununterbrochener Folge im Druck erschienen. Schon beim ersten
gedruckten Büchlein findet sich die charakteristische Verbindung von Bibelwort
und Liedvers. Bisweilen bildet allerdings auch ein Liedvers die Losung und ist eine Bibelstelle zum Nachschlagen beigefügt.
Waren die ersten Losungsausgaben noch allein für Herrnhut bestimmt, änderte
sich das mit dem Jahr 1737. Damit befinden wir uns in der dritten Phase. Das Losungsbuch wuchs zusammen mit der Brüdergemeine in weltweite Dimen-
sionen hinein. Es wurde zum unverzichtbaren Begleiter der Missionare und
Diasporaarbeiter Herrnhuts.
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II - 2.2.2.4.1 Herrnhuter Losungen
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Bereits im Jahr 1741 erschien die erste Übersetzung der Losungen – und zwar
in französischer Sprache.
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Auf diese Weise begann die vierte Phase der Er-
folgsgeschichte der Losungen. Seit dieser Zeit sind immer mehr fremdspra-
chige Losungen dazugekommen: zunächst 1743 eine Englische und 1745 eine
Niederländische.
Die fünfte Phase der Losungen – ihr Durchbruch zum Bestseller – erfolgte
allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Angebahnt hatte sich die Ent-
wicklung bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Verbreitung
des Losungsbüchleins außerhalb der Brüdergemeine und ihrer Freundeskreise
einsetzte. Aber erst durch die Erfahrungen der Bekennenden Kirche mit den
Herrnhuter Losungen im Dritten Reich wurden sie zum Andachtsbuch des
gesamten Protestantismus.
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Das Losungsbuch konnte auch in der DDR, außer in den ersten Jahren nach dem
Krieg, regelmäßig in einer Höhe von 345 000 Exemplaren erscheinen.
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Wie alle
Druckerzeugnisse in der DDR war es zwar der staatlichen Zensur unterworfen,
wurde aber dennoch immer publiziert, ohne dass Veränderungen am eingereich-
ten Manuskript vorgenommen werden mussten: abgesehen vom Austausch von
Dritttexten, wenn dessen Autor unerwünscht war, dem gelegentlichen Streichen
von Halbsätzen oder der Verbesserung missverständlicher Ausdrücke.
Gerade in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Fall der Mauer erlebten
viele Menschen aus beiden Teilen Deutschlands die Losungen als Zeitansage.
Dabei kam im Umfeld des 13.8.1987, dem Tag der Wiederkehr des Mauerbaus
1961, das Wort „Mauer“ auffallend häufig vor. Am 13.8.1987 selbst hieß die
Losung:
„Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch“ (Ps 24,7).
Die Losung des nächsten Tages lautete:
„Ich suchte unter ihnen, ob jemand eine Mauer ziehen würde“ (Hes 22,30).
Am 17.8. aber war die Losung besonders sprechend:
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Ps 18,30).
Bereits nach dem Mauerbau 1961 war das Psalmwort immer wieder als Losung
erschienen. In der damals noch gebräuchlichen revidierten Lutherbibel lautete
es noch anzüglicher:
„Mit meinem Gott kann ich über die Mauer springen.“Westarp Science – Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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