II - 2.2.2.4 Die evangelische Brüder-Unität (Herrnhuter Brüdermeine)
II - 2.2.2.4 Die evangelische Brüder-Unität (Herrnhuter Brüdermeine)
1722 gestattete der Reichsgraf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760)
Glaubensflüchtlingen aus Böhmen und Mähren auf seinem Grundbesitz
Berthelsdorf in der Oberlausitz die Ansiedlung am Hutberg. Die Flüchtlinge
waren Nachfahren der „Unitas Fratrum“, einer vorreformatorischen Kirche, die
unter den harten Verfolgungen im 16. und 17. Jahrhundert so bedrängt wurde,
daß die meisten ins Exil gingen. Der letzte Senior (Bischof) des böhmischen
Zweigs der Unität war der berühmte Pädagoge Johann Amos Comcnius (1592-
1670; seit 1632 Bischof). Sein Enkel Daniel Ernst Jablonsky (1660-1741) war
Bischof der nach Polen ausgewichenen Gemeinden. Von ihm wurden der Zim
mermann David Nitschmann 1735 und Graf Zinzendorf 1737 zu Bischöfen
geweiht und so die Brüder-Unität „erneuert“.
Zwischen der Ortsgemcinde Berthelsdorf und den Siedlern am Hutberg, zu denen
sich noch andere Religionsvcrfolgtc gesellt hatten, waren Spannungen aufge
treten, die jedoch durch den scelsorgcrlichcn Einfluß des Grafen abgebaut wer
den konnten, so daß die Gemeine bei einer Abendmahlsfcicr am 13.8.1727 ihre
innere Einheit erlebte. Seither wird dieses Tages gedacht, weil es zum „Zusam
menschluß der Einwohner Herrnhuts zur Brüdergemeine durch den Geist Got
tes“ kam. Im Diarium der Gemeinde heißt es dazu: „Wir brachten diesen und
folgenden Tag in einer stillen und freudigen Fassung zu und lernten lieben.“
Es entstanden neue Gemeinschaftsformen wie z.B. kleine Gebetszellen, deren
Glieder sich gegenseitig im Vertrauen zueinander stärkten, ferner die „Chöre“,
die nach Familienstand, Geschlecht und Alter getrennt und unter Anleitung ei
nes „Chorpflegers“ oder einer „Chorpflegerin“ standen. Durch Betonung von
Musik, Singen, Prozessionen und Theaterspielen kam eine Atmosphäre der
Festfreude auf. Zinzendorf konnte gegenüber einer oft gesetzlich wirkenden
Frömmigkeit des Pietismus in Halle feststellen: „Die Pietisten gehen den Weg
den wir tanzen“. Das urchristliche Agapcmahl (Liebesmahl) wurde wieder
entdeckt. In diesen Zusammenhang gehört auch die Lospraxis, d.h. das Herbei
führen einer Entscheidung durch das „Losen“, und das Ausrufen einer Tageslo
sung, die ab 1731 gedruckt wurde, sowie das Stundengebet. Die Losungen er
wiesen sich je länger desto mehr als das einigende Band der Gemeine, vor
allem nachdem eine weitverzweigte Missionsarbeit eingesetzt hatte. Jedes Glied
auf der Welt wußte, daß das Christuszcugnis der Schrift „im Extrakt“, wie
Zinzendorf die Losungen kennzeichnete, von allen Brüdern und Schwestern
gelesen und auf ihre Situation bezogen wurde. Heute ist das Losungsbuch im
deutschen Protestantismus das am meisten verwendete Erbauungsbuch und wird
darüber hinaus in 36 Sprachen übersetzt.
14 Westarp Science - Fachverlage
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Die evangelische Brüder-Unität (Herrnhuter Brüdermeine) II - 2.2.2.4
In der Gemeine gibt es außer den sonntäglichen Predigtversammlungcn die
Gebetssingstunde zum Wochenschluß, fröhliche Abendmahlsfeiern, bei denen
die Diakonc in festlichem Weiß gekleidet sind und nach der Konsekration Brot
und Wein an die Gemeine austeilen. Dazu sind Gäste aus anderen Kirchen will
kommen. Ferner gibt es die Agapen, die Christnachtfeiern, die Feiern des Ost-
ermorgens im Saal mit einer anschließenden Prozession auf den Gottesacker,
wo der Heimgegangenen des letzten Jahres gedacht und so die Verbindung zur
„oberen Gemeine“ gesucht wird. Die Taufen, Trauungen und Begräbnisse wer
den auch zu besonderen Festen der ganzen Gemeine. Beim Begräbnis wird der
selbstverfaßtc Lebenslauf des Verstorbenen verlesen, so daß dieser gleichsam
noch einmal in der Gemeine gegenwärtig ist und selbst erzählt, wie Gott in
seinem Leben gehandelt hat.
Eine schlichte, aber tiefe Bibelfrömmigkcit, die ihre Mitte in ihrer Bezogenhcit
auf den Sünderheiland findet, ist kennzeichnend. Der ständige „Conncx mit
dem Heilande“, wie Zinzcndorf cs ausdrückte, läßt einen Gemcingeist entste
hen, der große Aktivitäten freisetzt. Dies betrifft besonders die missionarische
Tätigkeit und die Diasporaarbeit der Gemeine. Die ehemaligen Missionsgcbietc
bilden heute Provinzen der Unität, von denen es 18 selbständige Provinzen
gibt. Schwerpunkte liegen in Tansania, Südafrika und Surinam. Die „Europä
isch-Festländische Brüder-Unität“ umfaßt Gemeinden in Deutschland, der
Schweiz und Skandinavien. Die tschechischen und die britischen Gemeinden
bilden eine selbständige Provinz. Alle sieben Jahre tagt die “Unitätssynode”,
um Fragen der Lehre und des gemeinsamen Dienstes zu behandeln. Zwischen
zeitlich führt das Unilätsdirektorium, das sich aus Vertretern der Provinzial
behörden zusammensetzt, die Geschäfte. Jede Ortsgcmcindc wird vom Älte
stenrat geleitet. Mindestens einmal im Jahr tritt der Gemcinrat, die Versamm
lung der ganzen Gemeinde, zusammen. Die Gemcindiener bestehen aus den
Akoluthcn (Laienmitarbeitern) und den Predigern (Diakone und Presbyter). Aus
den Presbytern werden die Bischöfe gewählt, die für Seelsorge und Ordination
der Prediger verantwortlich sind. Der Theorie nach stehen die Bischöfe über
die Slavcnmissionarc Cyrill und Method in apostolischer Sukzession, was die
anglikanische Kirche anerkannte. 1741 wurde als Absage an alle kirchliche
Hierarchie Jesus Christus zum Gcncralältcsten gewählt. Hier kommt die
Christozcntrik der Gemeine zum Ausdruck.
Kennzeichnend für die Herrnhuter waren geschlossene Siedlungen mit sinn
bildlichen Namen wie z.B. Herrnhut (in des Herren Hut), Gnadau, Gnadcnfcld,
Salem, Bethlehem, Nazareth. In Deutschland wurden geschlossene Siedlungen
noch 1807 in Königsfeld (Schwarzwald) und nach den Wirren des Krieges 1946
in Ncugnadcnfcld errichtet. Die Bewohner zeichnen sich durch großen Fleiß
aus, so daß ein Wohlstand cinzog, der die von Zinzcndorf geforderte Pilger-
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 15
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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