Der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden II - 2.2.2.3
II - 2.2.2.3 Die religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker)
Ähnlich wie der Baptismus entstand die „Religiöse Gesellschaft der Freunde“
im englischen Puritanismus. Der Sohn eines Webers und Schuhmacherlehrling
George Fox (1624-1691) geriet mit 19 Jahren in eine tiefe innere Krise, weil er
wahrnahm, wie sehr die Lehre der Kirche und das Leben der Kirchenglicdcr im
Gegensatz standen. Nach vielen Jahren der Wanderschaft und Meditation löste
sich bei ihm die Anspannung durch eine Audition. Dieses Erlebnis vermittelt
ihm die Erkenntnis, daß in jedem Menschen der „Same“ oder die „Kraft Got
tes“, das „innere Licht“, ruht und daß Gott „nicht fern und unnahbar, sondern
einem jeden von uns nahe und erreichbar ist“.
Dieses Erlebnis hat der Quäkcrtheologe Robert Barclay (1648-1680) theolo
gisch reflektiert. Der erste Punkt seiner Schrift /brr/?c True Christian
Divinity von 1678 ist dem Thema der „unmittelbaren Offenbarung“ gewidmet.
Die Offenbarung vollzieht sich direkt, ohne Umweg über Priester oder Heilige
Schrift. Sie kann sich im Herzen eines jeden Menschen abspiclen und ist eine
innere Erleuchtung durch den Heiligen Geist, ja sogar eine innere Einwohnung
Jesu Christi selbst. Auf diesem inneren Licht beruht die Erfahrung des wahren
Glaubens. Die Heilige Schrift ist dadurch nicht an den Rand gedrängt; sic ist im
Gegenteil durch nichts zu ersetzen, aber sic ist doch nur ein äußerlicher Lehrer.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 11
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II - 2.2.2.3 Die religiöse Gesellschaft der Freunde (Quäker)
Man muß die Schrift „öffnen“, damit sie über sich hinausweist und zum unmit
telbaren Erlebnis Christi führt. Fox verwies die Menschen auf ihren “inneren
Lehrer Jesus Christus”. Diese unmittelbare Offenbarung tritt in keinen Gegen
satz zur Offenbarung in der Schrift. Es besteht lediglich ein zeitlicher Unter
schied zwischen damals und heute. Was der Heilige Geist damals in den Men
schen wirkte, die die Schrift geschrieben haben, wirkt derselbe Geist auch heu
te in den Menschen, die sic lesen.
Dieser Hauptgedanke des Quäkertums findet in einer neuen Form christlicher
Gemeinschaft seinen Ausdruck. Weil es keiner Hirten oder keiner Lehre oder
Predigt bedarf, versammeln sich die Quäker zur stillen Andacht (silent meeting)
in einfachen Räumen ohne Bilder, Kreuze oder sonstige Symbole. Kein Ge
sang soll die innere Übung des Schweigens zunichte machen. Wer sich indes
gedrängt fühlt, kann aus der Stille heraus sprechen. Das Gesprochene (spoken
ministry) wird schweigend bedacht. In diesem Wechsel von Schweigen und
Reden wird das Gemeinsame gesucht und dieses Suchen bindet die Teilnehmer
zu einer neuen Gemeinschaft zusammen. Das Ziel der Andacht, die Gemein
schaft zwischen Mensch und Mitmensch sowie Mensch und Gott herzustellcn,
kann indes nicht erzwungen, sondern nur als Geschenk erfahren werden. Quä
ker brauchen also keine Sakramente, keine Festtage oder feierliche Handlun
gen. Das ganze Leben soll ein Sakrament sein. Das Quäkertum ist eine „Religi
on ohne Dogma“.
Als Konsequenz des Ansatzes wird von den Quäkern die Gleichheit aller Men
schen theologisch begründet und im Leben zur Anwendung gebracht. Dadurch
kommt es zu einer radikalen Ethik. Die traditionelle Rolle der Frau wurde grund
legend im Sinne einer Gleichberechtigung verändert, der Kriegsdienst und die
Kriegssteuer wurden abgclehnt, der Kampf gegen die Sklaverei aufgenommen
(hervorzuheben ist John Woolman, 1720-1772), und im Handel und in der be
ginnenden industriellen Fertigung das Prinzip der festen Preise eingeführt, das
ein Feilschen um Preise als Norm ablösen und dem Verkäufer einen fairen Ver
dienst garantieren sollte.
Besonders zwischen 1660 und 1680 waren die Quäker einer schonungslosen
Verfolgung preisgegeben. Weil sie die Richter nicht als höhcrgestellte Perso
nen, sondern als gleichberechtigte Menschen betrachteten und vor ihnen nicht
ehrerbietig den Hut zogen sowie sic mit „du“ anredeten, erfolgte regelmäßig zu
Prozeßbeginn eine Ordnungsstrafe wegen Beleidigung. Viele Quäker haben
daher persönlich die Gefängnisse von innen erlebt und sich als Konsequenz
aktiv für eine Gefängnisreform eingesetzt. Eine besondere Andachtsform, die
„Treffen für Leiden“ (Meetings for suffe rings) rührt von der Tatsache her, daß
viele Quäker in Gefängnissen saßen. Der Name ist heute für einen Arbcitsaus-
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Der vollständige Artikel umfasst 3 Seiten
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