Datenatlas II - 2.1.8
II-2.1.8 Der Datenatlas zur religiösen Geographie im
protestantischen Deutschland. Ein Beitrag zur
Erforschung der Kirchlichkeit und kirchlichen
Frömmigkeit des 19. und 20. Jahrhunderts
Von Claudia Enders
In der historischen Protestantismusforschung sind Untersuchungen einer
historisch geprägten sozialen und kulturellen Praxis einer Religion eine
durchgängige Untersuchungsprämisse. Mit dem „Datenatlas zur religiösen
Geographie im protestantischen Deutschland“ liegt seit 2001 erstmalig eine
statistische Erhebung vor, die systematisch die „Äußerungen des kirchlichen
Lebens“ der protestantischen Landeskirchen und ihrer Kirchenkreise erschließt.
Damit steht der Datenatlas zunächst in einer Reihe älterer wissenschaftlicher
Forschungsansätze in Deutschland: Zum einen in der vor allem von Herderund
der Romantik ausgehenden religiösen Volkskunde und zum anderen der ins 18.
Jh. zurückreichenden kirchlichen Statistik.
Das Bedürfnis nach statistischen Erhebungen in den protestantischen Landes
kirchen wurde durch den Befund seit dem ausgehenden 18. Jh. motiviert, daß
die kirchliche Zeitbestimmung durch eine Vision bestimmt wurde, die die Zeichen
eines religiösen Niedergangs aufkommen sah: es drohten Abfall weiter Be
völkerungsteile von Kirche und Christentum und der Verlust der Kirchenbindung
(Hölscher 1990a, 39-59, 42). Mit der Vermehrung und zunehmenden
Mobilisierung weiter Bevölkerungsteile und ihrer sozialen und materiellen
Verelendung verbanden sich die Befürchtungen einer entkirchlichten Gesell
schaft. Man sah die Stabilität kirchlicher Gemeinden untergraben. Die statistische
Erhebung wurde somit zu einem Krisenphänomen im Protestantismus und diente
der Selbstvergewisserung. Sozialhistorisch sollte mit Hilfe der Kirchenstatistik
die Möglichkeit geschaffen werden, „auf den fortschreitenden Verlust der re
gionalen Überschaubarkeit kirchlicher Verhältnisse“ reagieren zu können
(Hölscher 1990a, 46). Die Kirchenleitungen hofften der wachsenden Anonymität
sozialer Beziehungen, vor allem in den großstädtischen Gemeinden, mit den
neuen quantifizierbaren Methoden der Sozialstatistik besser begegnen zu
können als mit den traditionellen Mitteln der Kirchenvisitation. Der
Vernachlässigung der kirchlichen Pflichten und christlichen Sittengebote hatte
man zumindest in den Städten kaum entgegenwirken können. Die
Kirchenstatistik sollte im Hinblick auf den Verlust der Kirchenzucht einen
„indirekten Ersatz“ (Hölscher 1990a,46) bieten.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 9. EL 2004 1
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II - 2.1.8 Datenatlas
I. Die Anlage des Werkes
/. Die Quellen und die Kirchenstatistik
Die kirchenstatistische Grundlage des Datenatlas (Hölscher 2001 a, Bd. 1,29-31)
bezieht sich auf den Beschluß der Eisenacher Kirchenkonferenz von 1858, die
auf Anregung des württembergischen Konsistoriums die Erhebung der
statistischen Daten beschloß. Neu war daran die vorgeschlagene gleichförmige
Erhebung in allen Mitgliedskirchen. In einzelnen Landeskirchen (u.a. in Bayern,
Schlesien und Westfalen) waren schon zuvor kontinuierliche kirchenstatistische
Erhebungen organisiert worden. Die erste für alle deutschen Landeskirchen
gleichförmige Erhebung wurde im Jahre 1862 durchgeführt.
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Unter der Feder
führung des preußischen Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin wurde im
Jahr 1880 mit einem modifizierten Erhebungsprogramm die Reihe der
regelmäßigen Erhebungen begonnen. Sie hielt mit leichten Veränderungen
kontinuierlich bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges an. Die Erhebungen
teilten sich seit 1880 in zwei Tabellen (Hölscher 2001 a, Bd. 1,29-42):
A. Die Tabelle 1 erfaßte den Umfang und die Einrichtungen der Kirchenkreise.
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Sie wurde alle zehn Jahre zwischen 1880 und 1910 erstellt, danach erst wieder
stark modifiziert 1928.
B. Die Tabelle 2 erfaßte die „Äußerungen des kirchlichen Lebens“ und wurde
jährlich erhoben. Sie verzeichnete neben den Kirchenkreisen und deren
Einwohnerzahl die Geburten und Taufen, die Eheschließungen und
Trauungen, die Sterbefälle und kirchlichen Beerdigungen, die Konfirmierten
und die Kommunikanten. Die Zahl der Wähler bei der Wahl der Gemeinde
organe wurde bis 1890 aufgenommen. Zudem finden sich Zahlen zu Jugend
gottesdiensten und zum Konfessionswechsel, differenziert in „Übertritte zur“
und „Austritte aus“ der evangelischen Landeskirche. Ebenfalls ist aufgeführt
wie sich der Konfessionswechsel ereignete: „von bzw. zu“ Juden, Katholiken
und „sonstigen Gemeinschaften“; ab 1906 auch „in die bzw. aus“ der
Konfessionslosigkeit. Und schließlich enthält die Tabelle 2 bis 1890 auch
den Gesamtbetrag der für besondere kirchliche Zwecke angeordneten
Kirchenkollekten.
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Im Datenatlas zur religiösen Geographie findet sich somit eine Zusammenstel
lung der kirchenstatistischen Daten auf der Ebene der Landeskirchen bzw. der
preußischen Provinzialkirchen. Daneben stehen die gesammelten kirchen
statistischen Daten, die von den Landeskonsistorien auf Kirchenkreisebene
zusammengestellt wurden, soweit sie in den kirchlichen Archiven und Pu
blikationsorganen noch greifbar sind.
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2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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