II - 2.1.2.6.4

Heiliger Raum Kirche – evangelisch

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Heiliger Raum Kirche evangelisch II - 2.1.2.6.4 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 53. EL 2017 1 II - 2.1.2.6.4 Heiliger Raum Kirche – evangelisch Von Horst F. Rupp Das (aktuelle) Phänomen „heiliger Raum“ – der ambivalente Befund Im Blick auf den Umgang mit dem Heiligen bzw. der Transzendenz weist un- sere fortgeschrittene moderne bzw. postmoderne westliche Gesellschaft ein recht zwiespältiges Bild auf. Zum einen ist feststellbar, dass die etablierten und institutionalisierten Religionen auf dem Rückzug sind, die Mitgliederzahlen bröckeln massiv und die Teilnehmerzahlen an den zentralen Veranstaltungen dieser Organisationen, sprich den Gottesdiensten, sind stark eingebrochen. Dies bringt die sogenannte Säkularisierungsthese auf den Punkt, welche die Welt auf dem Weg hin zu Agnostizismus und Atheismus sieht. Auf der anderen Seite ist aber auch davon die Rede, dass die Religion bzw. religiöse Phänomene eine Renaissance erleben, es wird von einer „Wiederkehr der Götter“   1 gesprochen. So offenbaren anscheinend sehr säkularisierte und profanisierte Menschen ei- nen Hang zu bzw. gar eine Sehnsucht nach religiös aufgeladenen Handlungen, die man gar nicht unbedingt in unserer profan geprägten Gesellschaft und Welt vermuten würde: Kommt es etwa zu einem Amoklauf, zu einem Attentat mit terroristischem Hintergrund, zu einem großen Unglück oder einem sonstigen kontingenten Ereignis, das die Menschen in unserer Gesellschaft emotional anrührt und das von den Massenmedien ungemein schnell kommuniziert wird, so kann man davon ausgehen, dass in kürzester Frist spontan ein Meer von Blumen und Kerzen am jeweiligen Ort des Geschehens „installiert“ wird, sich Menschen versammeln, die in stillem Gedenken, in Gebet oder Meditation an die Opfer erinnern, sich von Kontingenz, Tod und Transzendenz anrühren lassen – und den Ort damit zu einem in besonderer Weise atmosphärisch auf- geladenen, Transzendenz-bezogenen, vielleicht sogar „heiligen“ Ort definieren, an dem symbolisch-rituelle Handlungen stattfinden. Ein zweites aktuelles Beispiel sei angeführt, das vielleicht auf eine Art von Renaissance des Heiligen in unserer Zeit und Gesellschaft schließen lassen könnte: Der Besuch von Kirchenräumen, Wallfahrtsorten u. ä. hat sprunghaft zugenommen – ein Phänomen, das sowohl touristische – und damit natürlich auch ökonomische – aber auch religiös-spirituelle Elemente aufweist. So hat in den zurückliegenden Jahrzehnten etwa die schon im Mittelalter stark fre- quentierte Jakobswallfahrt nach Santiago de Compostela mit ihren wie an einer Perlenschnur aufgereihten einzelnen Besuchspunkten „heiliger Räume“ einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Bestseller wie das Buch von Hape Kerkeling --- Seite 1 Ende --- II - 2.1.2.6.4 Heiliger Raum Kirche evangelisch 2 „Ich bin dann mal weg“ 2 machen sich diesen Umstand zunutze bzw. befördern das Phänomen andererseits auch wieder ganz publikumswirksam. So lässt sich in unserer Zeit und Umwelt gleichsam eine „neue Faszination“ sakraler Räume 3 konstatieren – und dies überraschenderweise auch im Pro- testantismus, der ja, wie wir noch sehen werden, gerade im Blick auf sakrale Räume aus theologischen Gründen eine starke Zurückhaltung üben müsste. Und nur nebenbei sei erwähnt: „Heilige Räume“ – dies ist offensichtlich nicht nur ein präferiertes Thema in der Theologie und der Religionswissenschaft. Sichtet man die einschlägigen Publikationen dazu in den zurückliegenden Jah- ren bzw. googelt im Netz den Begriff, dann lässt sich sehr schnell feststellen, dass sich auch Erscheinungen wie Schamanismus, Geomantie und Esoterik intensiv mit diesem Phänomen beschäftigen. 4 Vorüberlegungen und Hinführung Begriffsdefinitionen Raum (ahd. rumi „weit“, „geräumig“; mhd. rum „das Nicht-Ausgefüllte“ „der freie Raum“), neben der Zeit grundlegender Parameter der menschlichen Er- fahrung und Realität, der sich in Ausdehnung nach Länge, Breite und Höhe definiert. Immanentes, kreatürliches, menschliches Leben ereignet sich in Raum und Zeit. heilig (Ableitung vom Substantiv „Heil“, noch im Wort „heil“ im Sinne von „ganz“ sprachlich präsent), vor allem im Kontext der Religion(en) in Gebrauch und bedeutet die Sphäre des Göttlichen, Vollkommenen und Absoluten, Ver- wendung etwa bei Heiliger Geist, heiligen Schriften, den Heiligen, heiligen Gegenständen und Dingen oder eben heiligen Orten. „Heilig“ teilweise de- ckungsgleiche Verwendung mit „sakral“, insbesondere auch ein Gegensatz- begriff zu „profan“, welcher im Lateinischen den Ort vor dem „Fanum“, dem heiligen Ort bzw. Bezirk, bezeichnet, in dem sich Ritus, Kultus, Annäherung an die Transzendenz, an das Heilige, eben explizit praktizierte Religion ereig- net, im Gegensatz zum alltäglichen, Immanenz-bezogenen Leben im profanen Bereich. „Heilig“ bzw. „das Heilige“ wird im 20. Jahrhundert insbesondere bei dem evangelischen systematischen Theologen Rudolf Otto (1869–1937) zur zentralen religiösen Kategorie, mit der er das Phänomen der Religion zu erfassen sucht, das für ihn vor allem im Bereich des Irrationalen angesiedelt ist und das er fundamental mit den Begriff des „Numinosum“ charakterisiert, Westarp Science – Fachverlage
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