II - 1.2.16

„Nachkonziliarer Traditionalismus" in der katholischen Kirche

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Nachkonziliarer Traditionalismus II -1.2.16 II -1.2.16 „Nachkonziliarer Traditionalismus“ in der katholischen Kirche Von Eric W. S teinhauer 1. Begriff Als „nachkonziliare Traditionalisten“ werden mit Bezug auf die römisch-katholi­ sche Kirche nachfolgend diejenigen Gruppen und Personen bezeichnet, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) und den nachkonziliaren Reformen kritisch bis offen ablehnend gegenüberstehen. Diese Haltung manifestiert sich am sinnfälligsten in der Feier der vorkonziliaren Liturgie (tridentinische Messe, Priesterweihe nach alter Ordnung etc.). Abzugrenzen sind die Traditionalisten von konservativen und lehramtstreuen Gruppen innerhalb der katholischen Kir­ che, wie etwa dem Opus Dei, denn diese Gruppen billigen bei aller Kritk an neueren Strömungen in Theologie und Kirche das Konzil und seine Reformen ausdrücklich. Teilweise wird auch hier von „Traditionalisten“ gesprochen (Hertel 2000). Wegen der völlig unterschiedlichen Haltung zu Konzil und erneuerter Liturgie ist eine derart weite Begrifflichkeit aber abzulehnen. Überhaupt ist der Begriff „Traditionalismus“ selbst schon problematisch. Nicht nur, weil er inner­ halb der katholischen Theologie bereits semantisch besetzt ist und eine be­ stimmte offenbarungstheologische Position des 19. Jahrhunderts umschreibt (Das Wissen um Gott und seine Gebote entstammt einer Uroffenbarung, die in der Menschheitsgeschichte immer weiter tradiert wurde, vgl. Beinert 1988, S. 517.), sondern weil er als Sammelbegriff eine inhaltliche und organisatorische Geschlossenheit traditionalistischer Gruppen suggeriert, die so nicht gegeben ist. Die einzelnen Strömungen des Traditionalismus sind trotz des gemeinsamen Eintretens für die vorkonziliare Liturgie untereinander heillos zerstritten. Selbst in der Frage, welche vorkonziliaren liturgischen Bücher zu verwenden sind, herrscht nicht immer Einigkeit, da einige Gruppen schon Papst Johannes XXIII. (1881-1963), der die letzte Ausgabe des vorkonziliaren „Missale Romanum“ im Jahre 1962 promulgiert hat, nicht mehr als gültigen Papst anerkennen. Von daher wäre es besser, von einem „traditionsverbundenen Katholizismus“ zu sprechen, wobei der Grad der Traditionsverbundenheit, also des Festhaltens an vor­ konziliaren Sichtweisen und Praktiken der katholischen Kirche, unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Gleichwohl hat sich der Ausdruck „Traditionalismus“ mitt­ lerweile fest eingebürgert. 2. Gruppen Der Traditionalismus zerfällt in eine Vielzahl unterschiedlicher Gruppierungen, denen allein die Pflege der alten Liturgie und die unterschiedlich starke Ableh­ Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1 --- Seite 1 Ende --- II -1.2.16 Nachkonziliarer Traditionalismus nung nachkonziliarer Entwicklungen gemeinsam sind. Insgesamt lassen sich drei Lager ausmachen: Die Ecöne-Bewegung, die auf den französischen Erzbi­ schof und ehemaligen Generaloberen der Spiritaner Marcel Lefebvre (1905-1991) zurückgeht. Sodann die Gruppen, die die vorkonziliare Liturgie aufgrund des Motu proprio „Ecclesia Dei“ vom 2. Juli 1988 (AAS 80 [ 1988], S. 1495-1497) mit päpstlicher oder bischöflicher Erlaubnis feiern, und schließlich diejenigen, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht bloß kritisieren, sondern die gesamte konziliare und nachkonziliare kirchliche Hierarchie als häretisch und damit un­ rechtmäßig verwerfen. Da letztere den regierenden Papst nicht anerkennen und damit den Stuhl Petri für vakant halten, werden diese Traditionalisten auch als „Sedisvakantisten“ bezeichnet. Eine Unterart dieser Gruppen stellen die Anhän­ ger von Gegenpäpsten dar, von denen in Deutschland allein die Palmarianisch- Katholische Kirche von Bedeutung ist. 2.1 Ecöne-Bewegung Die auf Erzbischof Marcel Lefebvre zurückgehenden Gemeinschaften stellen die größte Gruppe des nachkonziliaren Traditionalismus dar. Der Name „Ecöne-Be­ wegung“ geht auf den Schweizer Ort Ecöne zurück, an dem Lefebvre sein erstes Priesterseminar der von ihm gegründeten „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ er­ richtet hat. Diese Priesterbruderschaft entstand 1970 mit kirchlicher Genehmi­ gung, wurde aber nach einer römischen Visitation im Jahre 1975 wegen ihrer Einstellung zum Zweiten Vatikanischen Konzil kanonisch aufgehoben. Erzbi­ schof Lefebvre selbst wurde 1976 a divinis suspendiert. Damit war ihm die rechtmäßige Ausübung seiner Weihegewalt untersagt. Gleichwohl baute er sein Werk zügig aus, gründete weitere Niederlassungen seiner Bruderschaft und weihte neue Priester. Nach ergebnislosen Verhandlungen mit Rom, die die Ein­ setzung eines regulären Bischofs für die Piusbruderschaft als Nachfolger für den über achtzigjährigen Lefebvre zum Ergebnis haben sollten, weihte dieser am 30. Juni 1988 ohne päpstliches Mandat zusammen mit dem brasilianischen Bi­ schof Antonio de Castro Mayer vier Mitglieder seiner Priesterbruderschaft zu Bischöfen. Damit haben die an der Weihe beteiligten Personen den Tatbestand des Schismas erfüllt. Sie wurden von Rom exkommuniziert. Seitdem ist die Piusbruderschaft organisatorisch völlig von der römisch-katholischen Kirche getrennt. Trotz grundsätzlich gültiger Sakramente sind die Bruderschaft und die mit ihr verbundenen Gläubigen damit auf dem Weg zu einer eigenen katholi­ schen Kirche, ähnlich der alt-katholischen Kirche. Seit dem Frühjahr 2001 haben der Vatikan und Vertreter der Piusbruderschaft indes offizielle Gespräche aufge­ nommen - mit dem Ziel, das Schisma zu überwinden. Neben der Priesterbruder­ schaft St. Pius X. gehören noch verschiedene Ordens- und Priestergemein­ 2 Westarp Science - Fachverlage
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