Religionspädagogik und Religionsunterricht II - 1.2.14
II - 1.2.14 Religionspädagogik und Religionsunterricht
in Deutschland: Ein Resümee
Von Richard Schlüter
Die katholischen Religionspädagoginnen und Religionspädagogen verstehen
das Fach Religionspädagogik als eine theologische Disziplin und als eine Teil
disziplin der Praktischen Theologie. Das Spezifikum der Praktischen Theolo
gie, zu der neben der Religionspädagogik so verschiedene Disziplinen wie
Kirchenrecht, Pastoraltheologie, Liturgiewissenschaft und christliche Gesell
schaftslehre gehören, besteht darin, berufsbezogen die Formen des institutio
nalisierten Handelns der Kirche in seinen Funktionen, Normen und Praxis
modellen im Kontext des gesellschaftlichen Handelns zu erörtern. Ein Blick auf
die Determinanten der religionspädagogischen Praxis zeigt, daß die Disziplin
„Religionspädagogik“ nicht isoliert betrieben werden kann, sondern im Kon
text der allgemeinen Erziehungswissenschaft gesehen werden muß. Sie hat die
gesellschaftlich plausiblen Erziehungsziele anthropologischer, kulturgeschicht
licher und technologischer Art mit den aus christlicher Glaubenstradition vor
gegebenen und kirchlich vermittelten Handlungszielen und Glaubensweisen
kritisch zu korrelieren. Für die religionspädagogische Theoriebildung sind des
halb neben Pädagogik und Theologie auch diejenigen wissenschaftlichen Er
kenntnisse oder praktischen Erfahrungen bedeutsam, die sich aus unterschied
licher Perspektive: Sozialwissenschaften, Religionswissenschaft, Ästhetik etc.
auf die Prozesse von religiöser Erziehung, Entwicklung, Sozialsation und Bil
dung beziehen. Von dieser Aufgabenstellung her ist Religionspädagogik nicht
gleichbedeutend mit Religionsdidaktik, die sich als besonders auf den Religi
onsunterricht in Schule und Gemeinde bezogene Lehre religiöser Bildung und
Erziehung versteht. Religionspädagogik erstreckt sich demgegenüber auf sämt
liche Aspekte religiöser Entwicklung, Sozialsation, Erziehung und Bildung in
allen Bereichen von Gesellschaft, Kirche und Bildungswesen. Ihr geht es nicht
allein oder primär um Lehren und Lernen von Religion - auch nicht nur um die
Religiosität von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen, sondern letztlich
um das Verhältnis von Religion, Kirche, Erziehung und Bildung in Kultur und
Gesellschaft. Katholische Religionspädagogik versteht sich deshalb heute als
„Theorie religiöser Lern- und Bildungsprozesse in christlich-kirchlicher Ver
antwortung - im Kontext soziokultureller Bedingungen und pädagogisch-so
zialer Wirkungszusammenhänge“ (R. Englert). Daher ergeben sich immer wie
der neue, aktuelle religionspädagogische Inhaltsbereiche wie interreligiöses
Lernen, ethisches Lernen und ökumenisches Lernen im Kontext des „konziliaren
Prozesses“ für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1
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In problemgeschichtlicher Sicht kann im katholischen Raum innerhalb der letz
ten Jahre durchaus von einem grundlegenden Gestaltwandel der Religions
pädagogik von einer (vorwissenschaftlichen) theologisch deduzierten Katechetik
hin zu einer theologische und erziehungswissenschafltiche Methoden gleich
rangig verstehenden Integrationsdisziplin gesprochen werden. Bezüglich der
Methoden der Religionspädagogik zeigt sich dabei eine Erweiterung des herme
neutischen durch einen empirischen Ansatz und durch ideologiekritische Ver
fahren mit dem Ziel, die in der Glaubensbotschaft gewonnenen Einsichten und
die im Rahmen der Empirie in Erfahrung gebrachten Bedingungs- und Wirkungs
zusammenhänge besser zueinander in Beziehung setzen zu können. Die Koope
ration zwischen Pädagogik und Religionspädagogik kann als wechselseitiges
Aufeinanderbezogensein, als kritisch-konstruktive Zusammenarbeit beschrie
ben werden. Sie hat im Bereich der Fachdidaktik in den vergangenen Jahren zu
bedeutsamen Veränderungen geführt. Will man den Weg skizzieren, so führt er
in der katholischen Religionspädagogik von einer normativ-deduktiven Didak
tik über empirisch-induktive Formen und didaktische Entwürfe, denen es ange
sichts des Autoritätsverlustes christlicher Tradition in der Gesellschaft um eine
Vermittlung zwischen Tradition und Situation, Glaube und Lebenswirklichkeit
(Korrelationsdidaktik, Symboldidaktik, Elementarisierung) geht, hin zu inter-
aktionistischen Ansätzen (kommunikative Didaktik). Die verstärkte Hinwendung
zur empirischen Religionspädagogik hat seit Ende der 90er Jahre zu bedenkens
werten Erkenntnissen über die tatsächliche Situation des Religionsunterrichts
an den Schulen aller Schulformen und über die Einschätzungen des und die
Erwartungen an den Religionsunterricht von Seiten der Kinder, Jugendlichen
und Lehrenden geführt (Bucher, Englert, Güth). Diese und die empirischen Un
tersuchungen über die Verstehensvoraussetzungen traditioneller religiöser Spra
che und Inhalte bei den Jugendlichen heute (Porzelt, Ziebertz) erfordern zukünf
tig eine noch stärkere didaktische Elementarisierung im Religionsunterricht.
Die Bedeutung der Kooperation von Pädagogik und Religionspädagogik zeigt
sich in besonderer Weise beim Blick auf den schulischen Religionsunterricht.
Nach GG Art. 7 ist der Religionsunterricht als Teil der staatlichen Schule aus
bildungstheoretischer und rechtlicher Sicht pädagogisch zu verantworten, in
haltlich ist die Verantwortung von der Theologie als Ausdruck der Selbst
interpretation des konkret verfaßten Christentums wahrzunehmen. Katholi
scherseits wurde der Religionsunterricht von kirchenamtlicher Seite erstmals
pädagogisch und theologisch begründet im Beschluß „Der Religionsunterricht
in der Schule“ der Gemeinsamen Synode der Bistümer Deutschlands von 1974.
Dieser Beschluß ist für die didaktische Ausrichtung des katholischen Religions
unterrichts bis heute maßgebend und wurde in der Erklärung der Deutschen
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Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten
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