Religiöser Fundamentalismus : kritische Diagnosen II - 1.2.12
II - 1.2.12 Religiöser Fundamentalismus: kritische Diagnosen
Von Michael Klöcker
Das Etikett Fundamentalismus, zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA
Selbstbezcichnung einer protestantisch-konservativen Sammlungsbcwegung,
wird in jüngster Zeit von Religionskritikcrn gezielt auf den absoluten Wahrheits
und Verbindlichkeitsanspruch in den Religionen bezogen, der in überzeitlich
geltendem „heiligen Wissen“ fixiert ist und scharfe Abgrcnzungslinien gegen
das - mit dem eigenen Absolutheitsanspruch auf „objektive“ Wahrheit und Gel
tung unvereinbare - Wissenschafts- und Wcltverständnis der modernen Zivili
sation auf der Grundlage von eigensinnigem Vernunftgebrauch, individueller
Autonomie, subjektiver Handlungskompctenz zieht. Attraktivität und Gefah
ren des „religiösen Fundamentalismus“ sind in einer Reihe sozial- und
individualpsychologischer Studien analysiert worden: Einerseits biete er durch
hergebracht väterliche Autoritäten und einfach-klare Leitsätze Orientierungs
sicherheit und Gemeinschaft, stille damit die Sehnsucht nach „mütterlicher Ur-
Wir-Geborgenheit“; andererseits seien aber für solche „Aufgehobcnheit“ ver
hängnisvolle Leistungen und Verdrängungen erforderlich: Unterwürfigkeit,
Verzicht auf eigene persönliche Autonomie, Verdrängung und Delegation von
Angst und Aggression.
In jüngerer Zeit, insbesondere zu Beginn der 1990er Jahre, häufen sich im
deutschsprachigen Raum Veröffentlichungen, die behaupten und präzisieren:
Es gab und gibt in der römisch-katholischen Kirche „Fundamentalismus“. Ins
besondere durch die Konzentration kritischer Wissenschaftler auf ihr eigenes
Fachgebiet wird ein scharf konturiertes Bild typisch römisch-katholischer Struk
turen und Prozesse in Geschichte und Gegenwart gezeichnet, die als „fundamen
talistisch“ bezeichnet werden können; sic werden (1) in einer spezifischen Kom
plexität aufgrund der „triadischcn Struktur der kirchenoffiziellen Offcnbarungs-
wisscns-Quellen“ (Michael N. Ebcrtz), (2.) in Autoritarismus und Anti
modernismus der Kirchenführung, (3) in der Defensive gegen das „Aggiorna-
mento“ des Zweiten Vatikanischen Konzils, (4.) in Moraltheologie und Rcli-
gionspädagogik, (5.) in spezifischen Frömmigkeitsformen und (6.) auf dem
Nährboden eines dichten und abgeschotteten Milieus aufgewiesen.
(1) In der römisch-katholischen Kirche gibt es aufgrund der konfliktträchtigen
„triadischcn“ Struktur des Offenbarungswissens (Quellen-Trias: Heilige Über
lieferung, Heilige Schrift, Lehramt der Kirche) breitere Möglichkeiten funda
mentaler Berufungen auf das unverrückbar „heilige Wissen“. Einerseits wird
analog zum protestantischen Fundamentalismus die göttliche Urheberschaft und
Inspiration der Bibel unter Ausklammerung der menschlichen Mitwirkung und
mit Kehrtwendungen gegen moderne Bibelforschungcn (historisch-kritische
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 1997 1
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II -1.2.12 Religiöser Fundamentalismus : kritische Diagnosen
Methode, symbolistisch bzw. psychoanalytisch orientierte Hermeneutik) be
tont; andererseits werden ganz bestimmte Traditionen der Lehre und des Kul
tus unabhängig von geschichtlicher Bedingtheit in „ultramontancr“ Ausrich
tung auf den Papst in Rom als zugleich Hüter des Glaubens und Führer der
Kirche verabsolutiert.
(2) Strengkirchliche Ausrichtung auf das Papsttum als zentrale, absolute In
stanz einer patriarchalistisch geprägten, hierarchisch gestuften Kirche: Dieser
von katholischen Fundamentalisten vertretene Autoritarismus der geistlich-gei
stigen und institutionellen Kirchenführung kann sich auf das Erste Vatikani
sche Konzil (1869/70) berufen. In den Texten des Vatikanum I sind die moder
nen Zeitirrtümer aus der Leugnung der kirchlichen Autorität als Repräsentanz
der vorgegebenen göttlichen Ordnung und Wahrheit begründet worden - in ei
ner Genealogie, die den reformatorischen Abfall von der päpstlichen Autorität
als konstitutiv erklärte: Reformation - Aufklärung bzw. Rationalismus - Fran
zösische Revolution - Liberalismus - Materialismus - Atheismus. Der Rekurs
auf eine idealisierte Vergangenheit vor Kirchenspaltung und Aufklärung sowie
die - modernen Ökumene-Bestrebungen zuwiderlaufende - Ausrichtung auf ein
gemeinsames „Haus“ der Christenheit mit „Hausvater“-Autorität und dem Papst
als Spitze der kirchlichen Hierarchie traten auf dem Vatikanum I deutlich her
vor.
(3) Die auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) durchbrechenden
Neuorientierungen (wie: betonte Kompetenz der Bischöfe in Gemeinschaft mit
dem Papst, dessen Primatstellung beibehalten worden ist; stärkere Mitwirkung
der Laien; Liturgiereform; ausdrückliche Anerkennung der Religionsfreiheit;
Perspcktivwechsel im Verhältnis von Kirche und Gesellschaft hin zur akzep
tierten wechselseitigen Abhängigkeit in der Pastoralkonstitution „Gaudium et
spes“ einschließlich des Zugeständnisses, daß Wissenschaften rein inncrwcltlich
betrieben werden können) werden oft unter dem Begriff des „Aggiornamento“
subsumiert. Die Defensive gegen Grundsätze und Konsequenzen dieses
„Aggiornamento“ ist für die Formierung des römisch-katholischen Fundament
alismus in der Gegenwart von (ent-)schcidender Bedeutung geworden. Dies
gilt nicht nur für den heftigen und entschiedenen Widerspruch einzelner Grup
pierungen, der bis zur Abspaltung derTraditionalistenbcwegung um Erzbischof
Lefevre (1988) führte; die fundamentalistische Reaktion auf das Zweite Vatika
nische Konzil wird, so betont Arno Schilson, „auf verschiedenen Ebenen“ in
der kirchlichen Lehre und Praxis selbst deutlich sichtbar: „etwa in der selektiv-
pointicrenden Berufung auf bestimmte Teilaussagen des Konzils, in dessen
grundlegender Einschätzung, in einer weitgehenden Ncuinterpretation des
konziliaren ,aggiornamento
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und einer damit verbundenen, neuakzentuierten
Verhältnisbestimmung von Kirche und Welt, aber auch im konkreten Umgang
2 Westarp Science - Fachverlage
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Der vollständige Artikel umfasst 5 Seiten
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