Gemeindepraxis in Deutschland: Ein Resümee II - 1.2.7
II - 1.2.7 Gemeindepraxis in Deutschland: Ein Resümee
Von Martina Blasberg-Kuhnke
Für die katholische Gemeindepraxis markiert das Zweite Vatikanische Konzil
eine Wende, die als „Neuentdeckung der Gemeinde“ charakterisiert zu werden
verdient. In der Kirchenkonstitution (LG 26) erfahren die Gemeinden als „Kirche
am Ort“ eine ungeheure Aufweitung: In ihnen selbst ist die Kirche anwesend,
sie heißen Kirche und sind je an ihrem Ort das neue Volk Gottes, in dem Christus
gegenwärtig ist. Während vor dem Konzil das Wort „Gemeinde“ im katholischen
Raum nicht nur unüblich war, sondern als „Ausdruck eines typisch protestanti
schen Kirchenverständnisses“ (W. Kasper) galt, hat es durch diese Vorgabe des
Konzils und im Zuge der nachkonziliaren Reform, vor allem in der Gemeinsamen
Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutschland (1971-1975 in Würz
burg), einen nicht mehr umkehrbaren Wandel des kirchlichen Selbstverständ
nisses ausgelöst. Statt vorrangig kirchenrechtlich auf Pfarreien als kirchliche
Verwaltungs- und Seelsorgeeinheiten zu setzen, richtet sich der Blick pastoral
theologisch) auf die Gemeinde als theologisch qualifizierte Sozialform des Christ
seins: „Unsere Pfarreien müssen zu Gemeinden werden“ (Pastorale „Die Gemein
de“ 1970) oder „Aus einer Gemeinde, die sich pastoral versorgen läßt, muß eine
Gemeinde werden, die ihr Leben im gemeinsamen Dienst aller und in unübertrag
barer Eigenverantwortung jedes einzelnen gestaltet“ (Synodenbeschluß „Die
pastoralen Dienste in der Gemeinde“ 2.3.2).
Diese Reformimpulse haben Wirkungen gezeitigt, wenngleich es nur einer Min
derheit von Gemeinden gelungen ist, wirklich Subjekte ihres Wirkens zu werden.
Tatsächlich haben sich gleichzeitig und nebeneinander verschiedene Grundmo
delle kirchlicher Gemeinden hcrausgebildet, die im Blick auf die je unterschiedli
che Gewichtung struktureller oder prozeßorientierter Anteile im Anschluß an H.
Steinkamp „Gemeinde als kleinste kirchliche (Verwaltungs-)Einheit“ (A), „Ge
meinde als Organisation“ (B) und „Gemeinde als Gemeinwesen“ (C) genannt
werden können. Ihnen entsprechen drei Grundtypen von Pastoral:
• Eine individualistisch orientierte Betreuungspastoral, die hierarchisch und
pfarrerzentriert die Gemeindemitglieder als Adressaten der Seelsorge und
Teilnehmende an religiös-kirchlichen Veranstaltungen sieht (A).
® Die Angebotspastoral der „aktiven Gemeinde“, aufgebaut nach dem Modell
konzentrischer Kreise, die die Zugehörigkeit zur Gemeinde festmacht als
unterschiedlich gestufte Teilnahme an den von der Gemeinde organisierten
Veranstaltungen und vor allem am Sonntagsgottesdienst. Hohe Teilnehmer
zahlen werden zum entscheidenden Kriterium für die Gemeindepraxis: „Wer
mitmacht, erlebt Gemeinde“ (B).
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 6. EL 2002 1
--- Seite 1 Ende ---
II -1.2.7 Gemeindepraxis in Deutschland: Ein Resümee
• Die gemeinwesensorientierte Pastoral, die ihr gemeindliches Handeln an den
örtlichen Gegebenheiten im Gemeinwesen des Dorfs oder Stadtteils, seinen
Bedürfnissen, Nöten und sozialen Konflikten orientiert und sich basis
kirchlich als Sozialpastoral versteht (C).
Auf Betreuung setzende Pastoral ist zunehmend geschwunden, läßt doch der
gravierende Priestermangel die Konzentration auf Betreuung seitens des prie
sterlichen Seelsorgers nicht länger zu. Die volkskirchliche Angebotspastoral,
die dem Teilnahmeverhalten der Mehrheit der katholischen Kirchenglieder lan
ge Zeit am ehesten zu entsprechen schien, wandelt sich im Kontext einer koope
rativen Seelsorge, die Laiinnen und Laien zunehmend mehr Verantwortung für
die Gestaltung von Wortgottesdiensten, Katechese, Bildungsarbeit und im dia
konischen Bereich sowie in der Gemeindeleitung zumutet - und hoffentlich auch
zutraut. Eine solche Gemeindepraxis bleibt besonders zugänglich und erreichbar
für die Mehrheit kirchlich distanzierter Gemeindeglieder. Einige profilierte Ge
meinden haben eine gemeinwesenorientierte Sozialpastoral entwickelt, die auf
überzeugte und vor allem im diakonischen Bereich engagierte Gruppen setzt, die
sich untereinander vernetzen und darin Gemeinde bilden. Die Sozialpastoral
zeigt am deutlichsten eine qualifizierte Alternative zur kooperativen Seelsorge.
1995 hatte die römisch-katholische Kirche in Deutschland 27,7 Millionen Mit
glieder. Sie alle gehören zu einer Gemeinde. Durchschnittlich mehr als 80% der
durch Taufe und Kirchensteuerzahlung (als minimale Mitgliedschaftsmotivation)
zu einer Pfanei zählenden Glieder aber kommen nur an den Wendepunkten ihrer
Biographie (Heirat, Geburt und Tod) und zu wenigen Anlässen im Kirchenjahr
(besonders an Weihnachten) mit ihrer Gemeinde in Kontakt, in großstädtischen
Ballungsräumen sind es im Durchschnitt nicht einmal 10 %. Weniger als 20% der
Katholiken leben ihr Christsein bewußt in und mit ihrer Gemeinde, wobei ein
deutliches Altersgefälle zwischen den über Sechzigjährigen, die etwa zu 50%
regelmäßig mindestens an der sonntäglichen Eucharistie ihrer Gemeinde teil
nehmen, und den Jüngeren festzustellen ist, die mehrheitlich eine kirchlich di
stanzierte Christlichkeit praktizieren. Eine besondere Situation besteht in den
neuen Bundesländern, in denen nur etwa 4% der Bevölkerung katholisch sind,
wobei die Katholiken sich auf das Eichsfeld und einige Regionen in Südthüringen
konzentrieren.
Der noch immer vorherrschende Gemeindetypus der Gemeinde als Organisation
ist zunehmend in die Krise geraten und dies aus strukturellen, sozialen und
pastoral-theologischen Gründen. Strukturell schlägt immer gravierender der
Priestermangel in der katholischen Kirche mindestens der deutschsprachigen
Länder durch. In Zukunft wird die (Über-)Lebensfähigkeit von Gemeinden da
2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 4 Seiten