II - 1.2.1.1

Liturgie, katholisch

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Liturgie, katholisch II - 1.2.1.1 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 49. EL 2016 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 16.08.2016  2. AK  Seite 1 II - 1.2.1.1 Liturgie, katholisch VON JÜRGEN BÄRSCH Begriff Das Wort λειτουργία kommt über die profangriechische Bedeutung als öf- fentliche, im Dienst der Allgemeinheit stehende Amtstätigkeit, die auch die Ausrichtung kultischer Feste einschließt, in die Septuaginta (griechische Über- setzung des Alten Testaments, ca. 250 v. Chr. bis 100 n. Chr.), die damit den Kultdienst am Jerusalemer Tempel bezeichnet. Das NT gebraucht den Begriff für den Verkündigungsdienst oder den Dienst am Nächsten, wendet ihn auch auf Christus an (Hebr 8,6), bezeichnet damit aber nur einmal die gottesdienstliche Versammlung der Christen (Apg 13,2). Erst in nachbiblischer Zeit wird Liturgie für die Gesamtheit des christlichen Gottesdienstes gebraucht (Didache 15,1; 1. Klemensbrief 40–44), schränkt sich im Osten allerdings (seit dem 5. Jahr- hundert und so bis heute) auf die Eucharistiefeier ein („Göttliche Liturgie“). Der Westen hingegen kennt eine Reihe von lateinischen Ausdrücken, die vor allem den Dienstcharakter betonen, und spricht von ministerium, officium oder opus Dei (Genitivus subiectivus) oder verwendet Sachbezeichnungen wie actio sacra, celebratio, cultus, ritus, sacramentum, sollemnitas. Erst seit dem 16. Jahrhundert begegnet der Begriff „Liturgie“ wieder häufiger und wird dann im 18./19. Jahrhundert allgemein verwendet. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat er sich auch in anderen christlichen Kirchen weitgehend durchgesetzt. Im Deutschen wird oft für „Liturgie“ synonym die sprachgeschichtlich junge Bezeichnung „Gottesdienst“ gebraucht, in der sich ein dialogisches Verständnis ausspricht: Gott „dient“ den Menschen und wendet sich ihnen mit seinem Heil zu, worauf die Gemeinde zum Dienst an Gott berufen und befähigt ist. 1 „Liturgie“ und „Gottesdienst“ sind im genannten Sinne Sammelbegriffe für verschiedene Formen und Gattungen gottesdienstlicher Feiern, die in Bedeutung, Funktion und Gestalt differenziert betrachtet werden müssen und einen ganzen Kranz unterschiedlicher liturgischer Formen. 1 Wesen und Träger der Liturgie – Theologische Schwerpunkte Ausgangspunkt für das heutige katholische Verständnis des Gottesdienstes bildet die Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils Sacrosanc - tum Concilium (im Folgenden: SC), 2 die das Wesen der Liturgie zu bestimmen --- Seite 1 Ende --- II - 1.2.1.1 Liturgie, katholisch 2 sucht. Demnach ist das zentrale Heilsgeschehen, die Erlösung der Menschen durch Leiden, Tod und Auferstehung Jesu Christi, nicht nur ein Ereignis der Heilsgeschichte geblieben, sondern vollzieht sich stets neu in der gottesdienst- lichen Versammlung, in der Christus kraft des Heiligen Geistes mit seinem Erlösungshandeln gegenwärtig ist und die Menschen in sein Wirken hinein- nimmt. Die Liturgiekonstitution beschreibt dies mit dem theologischen Begriff Pascha-Mysterium Jesu Christi (vgl. SC 5–6) 3 und führt dann weiter aus: „Mit Recht gilt also die Liturgie als Vollzug des Priesteramtes Jesu Chris- ti; durch sinnenfällige Zeichen wird in ihr die Heiligung des Menschen bezeichnet und in je eigener Weise bewirkt und vom mystischen Leib Jesu Christi, d. h. dem Haupt und den Gliedern, der gesamte öffentliche Kult vollzogen. Infolgedessen ist jede liturgische Feier als Werk Christi, des Priesters, und seines Leibes, der die Kirche ist, in vorzüglichem Sinn hei- lige Handlung, deren Wirksamkeit kein anderes Tun der Kirche an Rang und Maß erreicht.“ 4 Daran werden drei Dimensionen deutlich: • Liturgie geht von Gott aus, der sein Erlösungshandeln, das er in Jesus Christus durch den Heiligen Geist vollzogen hat, durch die Zeiten fortsetzt. Darum ist sie nicht zuerst ein von religiösen Bedürfnissen oder speziellen Fähigkeiten abhängiges Tun des Menschen, vielmehr ergreift Gott in der Liturgie die Initiative und wendet sich den Menschen durch Jesus Christus zu, der an den Versammelten handelt und sie in sein österliches Heilshandeln (Pascha- Mysterium) hineinnimmt, um sie zur neuen Schöpfung des eschatologischen Reiches Gottes zu verwandeln (Heiligung des Menschen). Deshalb ist die Liturgie primär von einer absteigenden (katabatischen) Linie bestimmt, in der Gott durch Jesus Christus an seinem Volk, der Gemeinschaft der Kirche, handelt. • So von Gott angesprochen, berührt und erfüllt, wenden sich die Versammel- ten ihrerseits Gott zu und antworten auf sein Wort und gnadenhaftes Handeln mit Lobpreis, Dank und Bitte (Verherrlichung Gottes = „gesamter öffentlicher Kult“). Auch bei dieser liturgischen Antwort wissen sich die Einzelnen als Glieder einer größeren, durch die Taufe miteinander verbundenen Gemein- schaft der Kirche, deren Haupt Christus ist. Weil Christus und die Kirche eine tiefe Einheit bilden (Haupt und Glieder, mystischer Leib), erfolgt die Antwort der Menschen auf Gottes Handeln immer nur mit, durch und in Christus und bildet so die sekundäre, aufsteigende (anabatische) Linie der Liturgie. • Hatte man über Jahrhunderte hinweg die Liturgie fast ausschließlich als ein Handeln des Klerus verstanden, so wird hier ausdrücklich hervorgehoben, Westarp Science – Fachverlage
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