OrthOdOxe akademische theOlOgie in deutschland II - 1.1.2.7
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen | 73. EL 2022 1
Zusammenfassung
Der vorliegende Beitrag geht auf die Bedeutung der orthodoxen akademischen
Theologie und deren Spezifika in Deutschland ein. Zuerst wird kurz in die Si-
tuation der orthodoxen Kirchen hierzulande eingefĂĽhrt. Im Anschluss werden
Bedarfe an orthodoxer Theologie in universitären Kontexten mit besonderer
Berücksichtigung der Ausbildung der Religionslehrkräfte thematisiert sowie
der momentane Stand und aktuelle Herausforderungen benannt. Abschlie-
Ăźend werden Perspektiven fĂĽr die Etablierung der orthodoxen Theologie an
der Universität, sowohl im Kontext der Gesamtentwicklung der Orthodoxie
in Deutschland als auch exemplarisch fĂĽr den Religionsunterricht, aufgezeigt.
Schlagwörter
theologische Ausbildung, orthodoxe Theologie, Religionslehrkräfte, ortho-
doxer Religionsunterricht, Ă–kumene
II - 1.1.2.7 Orthodoxe akademische Theologie in
D eutschland
[Orthodox Academic Theology in Germany]
YauheniYa danilOvich
Submitted March 05, 2022, and accepted for publication June 10, 2022
Editor: Martin Illert
Summary
The present article deals with the importance of Orthodox academic theology
and its specifics in Germany. First, the situation of the Orthodox Churches in
this country is briefly introduced. Afterwards, the needs of Orthodox theo-
logy in university contexts with special consideration of the training of reli-
gious teachers are discussed and the current status and current challenges are
named. Ultimately, perspectives for the establishment of Orthodox theology
at the university are shown, both in the context of the overall development
of Orthodoxy in Germany and exemplarily related to Religious Education.
Keywords
theological education, Orthodox theology, religion teachers, Orthodox Re-
ligious Education, ecumenism
--- Seite 1 Ende ---
II - 1.1.2.7 O rthOdOxe akademische theOlOgie in deutschland
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© Westarp Science Fachverlag
1 Orthodoxie in Deutschland
Die orthodoxe Kirche in Deutschland gehört zu denjenigen Religionsgemein-
schaften, deren Präsenz im Land überwiegend durch Migration bedingt ist.
1
Sie
bildet nach der katholischen und evangelischen Kirche die drittgrößte christli-
che Religionsgemeinschaft. Die Zahl der orthodoxen Christinnen und Christen
in Deutschland wird derzeit auf ca. 2 M io. geschätzt, mit steigender Tendenz
nicht nur hierzulande, sondern auch in Ă–sterreich
2
und in der Schweiz. Da die
orthodoxe Kirche in keinem der genannten Länder Kirchensteuer erhebt, liegen
keine genauen statistischen Daten vor. In einigen deutschen Bundesländern wie
Nordrhein-Westfalen oder Bayern wird jedoch in den Schulstatistiken auch die
Konfession der SchĂĽlerinnen und SchĂĽler erfasst. Diese Daten belegen, dass
sich die Zahl der orthodoxen SchĂĽlerinnen und SchĂĽler allein in den letzten
zehn Jahren mehr als verdoppelt hat; in Nordrhein-Westfalen beispielsweise
sind es im Moment ĂĽber 55 230 orthodoxe SchĂĽlerinnen und SchĂĽler.
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Die Orthodoxie in Deutschland ist in ihrer multinationalen Zusammenset-
zung in sich heterogen. Zwar spricht man grundsätzlich von einer orthodoxen
Kirche, da die gemeinsamen Glaubensgrundlagen, die Gottesdiensttradition
und das Kirchenrecht von allen orthodoxen Kirchen geteilt werden. Dennoch
befinden sich in Deutschland auf dem gleichen Territorium insgesamt neun
Diözesen mit jeweiliger jurisdiktioneller Zugehörigkeit zu unterschiedlichen
orthodoxen Kirchen (russisch-orthodox, griechisch-orthodox, serbisch-ortho-
dox, bulgarisch-orthodox, georgisch-orthodox, rumänisch-orthodox, antioche-
nisch-orthodox) und entsprechend eigenen Sprach- und Kulturräumen.
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Zum
Vergleich: In mehrheitlich orthodox geprägten Ländern ist jeweils nur eine
orthodoxe Kirche präsent (z. B . die russisch-orthodoxe Kirche in Russland
oder die rumänisch-orthodoxe Kirche in Rumänien). Im Kontext des ortho-
doxen Kirchenrechts verwendet man fĂĽr diese (Sonder-)Situation den Begriff
Diaspora als Terminus technicus.
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Ein wichtiges Charakteristikum der Dias-
pora ist, dass sich alle Mutterkirchen in anderen Ländern befinden (Russland,
Rumänien, Serbien, Griechenland, Bulgarien, Georgien, Belarus usw.). In den
Ländern mit orthodoxer Diaspora wurde im Sinne einer temporären Lösung
die GrĂĽndung orthodoxer Bischofskonferenzen initiiert. In Deutschland be-
gann die strukturelle Entwicklung auf der panorthodoxen Ebene 1994 mit
der Schaffung der Kommission der Orthodoxen Kirchen in Deutschland und
mĂĽndete im Jahr 2010 in die GrĂĽndung der Orthodoxen Bischofskonferenz
in Deutschland (OBKD). Die OBKD, derzeit bestehend aus 17 Bischöfen als
Vertretern von insgesamt neun Diözesen (Stand: Januar 2022), koordiniert für
alle orthodoxen Kirchen in Deutschland gemeinsame Arbeitsfelder, zu denen
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Der vollständige Artikel umfasst 21 Seiten
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