II - 1.1.2.5

Orthodoxe Christen in Deutschland – eine Migrationsgeschichte

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Orthodoxe Christen in Deutschland II - 1.1.2.5 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 51. EL 2017 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 13.03.2017  2. AK  Seite 1 II - 1.1.2.5 Orthodoxe Christen in Deutschland – eine Migrationsgeschichte Von Martin Illert Phasen der Migration orthodoxer Christen nach Deutschland Als „orthodox“ 1 bezeichnet der vorliegende Beitrag die Gemeinschaft der 14 Kirchen, deren Ehrenoberhaupt der Ökumenische Patriarch von Konstantino- pel ist, welche die sieben ökumenischen Konzile anerkennen und die in der sogenannten „Panorthodoxie“ zusammenwirken. 2 Seit der frühen Neuzeit gab es in Deutschland eine durch dynastische, ökonomische und akademische Ver- bindungen gespeiste orthodoxe Diaspora, die nach 1917 durch einen Zustrom von Emigranten aus Russland bzw. der Sowjetunion und nach 1945 durch einen weiteren Zustrom vor allem aus der Ukraine anwuchs. Während sich die or- thodoxe Präsenz in der DDR auf russisch-orthodoxe Gemeinden in Ost-Berlin (Sitz des Exarchats), Potsdam, Dresden, Leipzig und Weimar beschränkte, die unter der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchates standen, 3 war die Situation im Westen differenzierter: 4 Nachdem 1960 das Königreich Griechenland und die Bundesrepublik Deutschland ein Abkommen über die Anwerbung griechischer Arbeitnehmer für den deutschen Arbeitsmarkt geschlossen hatten, 5 vergrößerte sich die orthodoxe Community in Westdeutschland ein weiteres Mal durch die griechische Arbeitsmigration auf eine halbe Million. 6 Durch den Nachzug vor allem griechischer und bald auch serbisch-orthodoxer Familien wuchsen die Gemeinden auch nach dem sogenannten „Anwerbestopp“ vom Dezember 1973. Weitere Migrationsphasen sind im Anschluss an die politische Wende 1989 und dem Zustrom zahlreicher Bürger aus Osteuropa nach Zentraleuropa zu Beginn der 1990er-Jahre und zuletzt seit dem Sommer 2015 durch den Zustrom vieler Rum-Orthodoxer Christen (Griechisch-Orthodoxe Kirche von Antiochia) aus dem Nahen Osten nach Deutschland festzustellen. Die Entwicklung der orthodoxen Kirchenstrukturen Neben die Strukturen der russischen Auslandskirche trat 1963 die Griechisch- orthodoxen Metropolie von Zentraleuropa. 7 In den Folgejahren entstand in der Diaspora durch die Zuwanderung eine kirchenrechtlich problematische Situ- ation. 8 An die Stelle des kirchenrechtlichen Prinzips des jeweils einer (natio- nalen) Kirche zugehörigen „kanonischen Territoriums“ trat eine Orientierung nach ethnischen und nationalen Faktoren: Seit 1972 besaßen die Serben ein geistliches Zentrum (zunächst in Düsseldorf, ab 1978 in den Räumen der ehe- --- Seite 1 Ende --- II - 1.1.2.5 Orthodoxe Christen in Deutschland 2 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 13.03.2017  2. AK  Seite 2 maligen evangelischen diakonischen Einrichtung Himmelsthür/Hildesheim in Niedersachsen). Auch die Patriarchate Moskau, Bukarest und Sofia gründen seit den 1960er-Jahren Gemeinden in Westdeutschland. Während die russische Auslandskirche dem Ökumenischen Patriarchat unterstand und sich auch unter den Rumänen Gemeinden der Jurisdiktion Konstantinopels zuordnen, um nicht der Einwirkung ihrer nationalen Kirchenhierarchie zu unterliegen, deren Wir- ken sie aufgrund der politischen Situation mit Skepsis betrachten, entstanden durch die Gründungen der Patriarchate Moskau, Bukarest und Sofia parallele Hierarchien, die der Jurisdiktion der heimatlichen Patriarchate unterstanden. Auch die ökumenischen Partner bemerken die Differenzierung des zu Beginn der 1960er-Jahre noch recht einheitlich wirkenden Gefüges der orthodoxen Kirchen in der Bundesrepublik Deutschland aufgrund der wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen. 9 Ein gemeinsames Wirken der orthodoxen Kirchen ermöglichte seit dem Beginn der 1990er-Jahre die Kommission der Orthodoxen Kirchen in Deutschland (Ko- KiD). In Entsprechung zu den präkonziliaren Beschlüssen der panorthodoxen Synoden wurde die KoKiD im Jahr 2011 zur Orthodoxen Bischofskonferenz in Deutschland erklärt. 10 Manchen vorausgehenden Abstimmungsschwierigkeiten zum Trotz waren damit neue jurisdiktionelle Strukturen geschaffen. 11 Erstmals kann ein Gremium alle orthodoxen Kirchen in Deutschland gegenüber dem Staat repräsentieren. Ökumenische und innerorthodoxe Netzwerkbildung Als ein Ort interkonfessioneller und kirchlich-staatlicher Begegnung existierte seit den 1950er-Jahren die „ökumenische Kommission für die Unterstützung orthodoxer Priester“ als ein Ort zwischenorthodoxer, interkonfessioneller und kirchlich-staatlicher Begegnung. Ein wichtiger Beitrag zur Netzwerkbildung war darüber hinaus die Mitarbeit der orthodoxen Kirchen in der ACK seit den 1960er-Jahren. Durch die Vollmitgliedschaft der orthodoxen Kirchen in den 1970er-Jahren verlor die ökumenische Zusammenarbeit zunehmend ihren assistenzialistischen Charakter, der noch im Beschluss des Rates der EKD in seiner Sitzung vom 11. bis 12. Oktober 1949 zur „Zuständigkeit“ der EKD für die „Displaced Persons“ orthodoxen Glaubens in Deutschland unilateral zum Ausdruck gebracht worden war. 12 Ein weiterer Ort des Heraustretens der orthodoxen Kirchen in eine nicht orthodoxe „ökumenische“ Öffentlichkeit ent- stand 1966 durch den Freundeskreis orthodoxer, katholischer und evangelischer Christen mit Namen Philoxenia („Gastfreundschaft“) und die Arbeitsgemein- schaft Christlicher Kirchen. Die durch diese Netzwerke ermöglichte Pflege Westarp Science – Fachverlage
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