Klänge – Atmosphären – Hörerfahrungen I - 32
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 78. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Der Beitrag fasst vorherige Beiträge des Autors im Kontext des „auditive
turn“ zusammen und führt sie fort. Er umreißt die Aufgaben der Religions-
wissenschaft zum Themenbereich des Sonischen, präsentiert Definitionen
und zeichnet Grundlinien einer sonischen Religionsphänomenologie auf.
Am Beispiel von Rudolf Ottos Heiligkeitserlebnis in Marokko 1911 wird die
auditive Wahrnehmung von Räumen, akustischen Erinnerungsorten und der
spezifischen Variante des vertikalen Hörens dargestellt. Mit den Konzeptio-
nen von Aura, Atmosphäre und Stimmungsraum soll versucht werden, Ottos
auditives Heiligkeitserlebnis zu verstehen.
SchlagwörterSchlagwörter
Auditive turn, hören, horchen, lauschen, Schall, Klang, Ton, Geräusch, Lärm,
Stille, sonisch, modes of listening, Radio, Neo-Religionsphänomenologie,
kontextuelle Religionsphänomenologie, sensualistische Wahrnehmungstheo-
rien, Biophonien, Geophonien, Anthropophonien, Rudolf Otto, das Heilige, chill-Effekt, Aura, Atmosphäre, Stimmungsraum
I - 32 Klänge – Atmosphären – Hörerfahrungen.
Der auditive turn in der Religionswissenschaft
[Sounds — atmospheres — listening experiences.
The auditory turn in Religious Studies]
Udo Tworuschka
Michael Klöcker zum 80. Geburtstag
Submitted August 20, 2023, and accepted for publication September 10, 2023
Editor: Martin Rötting
SummarySummary
The article summarizes and continues the author‘s previous contributions in
the context of the „auditive turn“. It outlines the tasks of Religious Studies in
the field of the sonic, presents definitions and draws the basic lines of a sonic
phenomenology of religion. Using the example of Rudolf Otto‘s experience
of holiness in Morocco in 1911, the auditory perception of spaces, acoustic
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I - 32 Klänge – Atmosphären – Hörerfahrungen 2© Westarp Science Fachverlag
places of memory and the specific variant of vertical hearing is presented.
With the concepts of aura, atmosphere and atmospheric space, an attempt is
made to understand Otto‘s auditory experience of holiness.
KeywordsKeywords
Auditive turn, hearing, eavesdropping, sound, tone, noise, silence, sonic,
modes of listening, radio, neo-religious phenomenology, contextual pheno-
menology of religion, sensualistic theories of perception, biophony, geopho-
ny, anthropophony, Rudolf Otto, the sacred, chill effect, aura, atmosphere, mood space
1 E
Die ältere Religionswissenschaft interessierte sich vorwiegend für historische
Religionen und war daher textorientiert. Dass Räume, Gewänder, Geräte, Bil-
der, Zeichnungen, Plastiken, Skulpturen, Fotografien, Filme, Fernsehen, On-
linemedien, Ausstellungen religionswissenschaftlich bedeutsame (z. T. nonver-
bale) Quellen sind, musste sich erst durchsetzen. Das Optische ist heutzutage
allgegenwärtig. Keine gleichwertige Aufmerksamkeit hat die hörbare Seite der
Religion(en) erlangt. Sowohl die (ältere) Religionsphänomenologie als auch die
Religionsästhetik spiegeln die Randständigkeit des Akustischen. Doch Schall ,
also reiner Ton, Klang als Tongemisch, und Lärm bzw. Geräusch, also unstruk -
turierte, nicht-periodische Laute – von manchen als Un-Laute qualifiziert und
ästhetisch abgewertet
1
– sind genauso wie Visuelles omnipräsente Merkmale
unserer sinnlichen Umwelt. Seit Ende der 1980er-Jahre ist allgemein eine er-
höhte Aufmerksamkeit gegenüber akustischer Wahrnehmung festzustellen in
Architektur, Ethnologie, Geschichts-, Kultur-, Literatur-, Medien-, Musik-, und
Theaterwissenschaft, Neurowissenschaften, Philosophie, Physikalischer Akus-
tik, Soziologie, Wissenschaftsgeschichte und auch Religionswissenschaft.
2
Analog zur „visible religion“
3
ist es an der Zeit, über das Programm einer
auditive, acoustic, sonic religion nachzudenken, vielleicht einen „auditive
turn“ in Gang zu bringen.
4
Die Rede von turn bedeutet keine fundamentale,
revolutionäre Umorientierung der Religionswissenschaft, sondern die Entwick-
lung einer auf Neuartiges gelenkten Aufmerksamkeit. Turn i st keine Wende
der, sondern in der Religionswissenschaft. Ein neuer turn löst einen anderen,
älteren nicht ab, sondern wird zum Element eines „Kräftefeldes (im Sinne Pi-
erre Bourdieus), in dem viele Turns miteinander um Dominanz konkurrieren,
kooperieren und sich durch diverse Strategien gegenseitiger Abgrenzung zu
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Der vollständige Artikel umfasst 39 Seiten
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