Intersektionalität – ein Thema der Religionspädagogik I - 30.7
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 75. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Intersektionalität berücksichtigt die sprichwörtliche Überschneidung ver-
schiedener Differenzlinien und ihre sozialen Wirkungen. In der religions-
pädagogischen Praxis können in vielfacher Hinsicht Differenzlinien, ihre
Sinnzusammenhänge und sozialen Deutungen, die gesamtgesellschaftlich
als Strukturprinzipien erfahren werden, thematisiert und besprochen wer-
den. Der Kontext schulischer Bildung ist in diesem Sinne nicht frei von
Identitätsmerkmalen und Differenzlinien, die in ihrer Überschneidung Dis-
kriminierungen aus unterschiedlichen Stoßrichtungen bewirken können. Die
Religionspädagogik ist in einer sich pluralisierenden Gesellschaft vielfach
mit komplexen Identitätsmustern konfrontiert, und der Umgang mit Dif-
ferenz und Vielfalt wird zunehmend als Herausforderung im fachwissen-
schaftlichen Diskurs verhandelt. In diesem Zusammenhang hat sich in der
Religionspädagogik eine breite Literatur etabliert, die den Begriff der Inter-
sektionalität aufgreift. Im vorliegenden Artikel sollen die Beiträge sortiert,
der Kritik an dem Begriff nachgegangen und konstruktiv versucht werden,
Erkenntnisse und Möglichkeiten für die Handlungs- und Forschungsfelder
der Religionspädagogik zu beschreiben.
SchlagwörterSchlagwörter
Intersektionalität, Religionspädagogik, Bildung, Schule, Diskriminierung
I - 30.7 Intersektionalität – ein Thema der
Religionspädagogik
[Intersectionality matters in religious education]
Stefan van der Hoek
Submitted June 07, 2022, and accepted for publication December 12, 2022
Editor: Stefan van der Hoek
SummarySummary
Intersectionality considers the proverbial intersection of different lines of
difference and their social effects. In religious education practice, lines of
difference, their contexts of meaning, and social interpretations, which be-
come effective as structural principles in society as a whole, can be experi-
enced, thematized, and discussed in many ways. In this sense, the context
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I - 30.7 Intersektionalität – ein Thema der Religionspädagogik 2© Westarp Science Fachverlag
1 Intersektionalität in den Bildungswissenschaften
Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirken mehrerer Unterdrückungs-
mechanismen aus unterschiedlichen Richtungen und setzt an der Erfahrung
von Menschen an,
1
die Diskriminierung nicht aufgrund einseitiger Differenz-
merkmale erleben,
2
sondern bei denen der Ausschluss auf mehreren Merk-
malen gleichzeitig beruht. Diese Merkmale, die sich gegenseitig beeinflus-
sen, überlappen und/oder in ihrer Wirkung verstärken können, werden mit
dem Begriff der Intersektionalität, differenzierter zu beschreiben versucht,
als es herkömmliche Theorien von Diskriminierung können.
3
Die Adaption
des englischsprachigen Wortes Intersection verweist sprichwörtlich auf eine
Kreuzungs- oder Schnittstelle. Der Begriff wurde in den 1980er-Jahren in den
Diskurs eingeführt und stammt aus der juristischen Praxis von Kimberlé W.
Crenshaw, die als Anwältin im Fall DeGraffenreid vs. General Motors (1976)
die Seite DeGraffenreids vertrat. In dem Verfahren klagten fünf afroameri-
kanische Frauen gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber Ford. Die Klägerinnen
warfen dem Automobilkonzern vor, das Vergütungssystem des Unternehmens
basiere auf der Dauer der Betriebszugehörigkeit, was aufgrund der Anstel-
lungspolitik des Unternehmens dazu geführt hatte, dass afroamerikanische
Frauen während einer Rezession mit der Begründung der Dauer der Betriebs-
zugehörigkeit ihre Arbeitsplätze als Erste verloren hatten. Die Anklage lautete
deshalb, die Einstellungspolitik des Unternehmens reproduziere die Unter-
drückung afroamerikanischer Frauen. Die vorgelegten Indizien ergaben tat-
sächlich, dass aufgrund der Unternehmensführung keine afroamerikanischen
of school education is not free of identity features and lines of difference, which in their intersection may cause discrimination from different direc-
tions. In an increasingly pluralized society, religious education is confronted
by complex patterns of identity, and dealing with difference and diversity determines the discourse in the discipline. In this context, a broad body of
literature has emerged in religious education studies that take up the concept
of intersectionality and make it a topic for religious education studies. This paper will sort through the contributions, explore the criticisms of the term,
and constructively attempt to describe insights and possibilities for the fields
of action and research in religious education.
KeywordsKeywords
Intersectionality, Religious education, education, school, discrimination
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Der vollständige Artikel umfasst 20 Seiten
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