Ja zur Intersektionalität, Nein zu muslimischer Vielfalt? I - 30.4
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 75. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Warum gibt es eigentlich noch antimuslimischen Rassismus, obwohl doch
moderne Diskurse entlang der Diversität als neuer gesellschaftlicher Wert
Rassismus den Nährboden entziehen sollten? Dieser Beitrag soll Hinweise
darauf geben. Der Artikel zeigt auch auf, dass die intersektional zusam-
menhängenden und sich überschneidenden Diskriminierungskategorien
„Ethnie“, „Religion“, „Kultur“ und „Gender“ auch beim antimuslimischen
Rassismus eine federführende Rolle spielen. Daher erscheint es naheliegend,
den antimuslimischen Rassismus auch als ein intersektionales Problem zu
verstehen. Um diese Annahme zu ergründen, wird der Artikel exemplarisch
zwei Parolen des antimuslimischen Rassismus hinsichtlich dieser erwähnten
Diskriminierungskategorien analysieren. Der Blick auf die Geschichte und
auf den Begriff des „Master-Narrativs“ soll schließlich einen Erklärungs-
versuch zur Langlebigkeit des antimuslimischen Rassismus liefern. Die
antimuslimischen Einstellungen beruhen nämlich auf rassistisch aufgela-
denen und eurozentrischen Imaginationen über den Orient und die Muslime,
die über Jahrhunderte schon existieren und das heutige Denken weiterhin
beeinflussen. Spezifisch deutsche „Integrationsdebatten“ im Kontext der
Migrationsbewegung ca. ab den 1960er-Jahren bedienen, wiederholen und
aktualisieren historisch gewachsene antimuslimische Bilder, weshalb auch
eine Kontinuität der antimuslimischen Einstellungen von „damals bis heute“
festzustellen ist. Besonders relevant erscheint der Gedanke der Ethnisierung
der islamischen Religion. Kulturell anmutende Praktiken einer Person wer-
den somit ohne die Notwendigkeit weiterer Analysen monokausal durch
den Islam als „Herkunft“ erklärt. Dadurch findet eine nicht mehr lösbare
Vermischung von Religion und Kultur statt, und eine deterministische und
I - 30.4 Ja zur Intersektionalität, aber Nein zu
muslimischer Vielfalt? Warum Vorbehalte und
Stereotypisierungen überleben
[Yes to intersectionality but no to muslim
diversity? Why reservations and stereotyping
survive]
Hakan Caliskan
Submitted June 08, 2022, and accepted for publication December 13, 2022
Editor: Stefan van der Hoek
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I - 30.4Ja zur Intersektionalität, Nein zu muslimischer Vielfalt? 2© Westarp Science Fachverlag
statische Lesart dieser kategorischen Begriffe wird im öffentlichen Raum
etabliert. Historisch bedingte und tief sitzende Rassismen bilden im Einklang
mit modernen Diskursen also eine Art selbst erhaltenden Kreislauf, wodurch
antimuslimische Einstellungen als besonders überlebensfähig erscheinen.
SchlagwörterSchlagwörter
Islam, Diversity, antimuslimischer Rassismus, Feminismus, Islamophobie
SummarySummary
Why is there still anti-Muslim racism when modern discourses on diver-
sity as a new social value are supposed to remove the breeding ground for
racism? This contribution is intended to give some hints. The article also
shows that the intersectionally related and overlapping categories of discri-
mination “ethnicity”, “religion”, “culture” and “gender” play a leading role in
anti-Muslim racism. Therefore, it seems obvious to understand anti-Muslim
racism as an intersectional problem. To explore this assumption the article
will analyze two exemplary slogans of anti-Muslim racism regarding the
mentioned categories of discrimination. A look on history and on the term
“master narrative” shall finally deliver an attempt at an explanation towards
the longevity of anti-Muslim racism. The anti-Muslim attitudes are based
on racist and Eurocentric imaginations about the Orient and the Muslims,
which have existed for centuries and continue to influence today’s thinking.
Specifically German “integration debates” in the context of the migration
movement from around the 1960s serve, repeat and update historically grown
anti-Muslim images, which is why a continuity of anti-Muslim attitudes from
“then to now” can be observed. The idea of
ethnicizing the Islamic religion
appears to be particularly relevant. A person’s cultural practices are thus
monocausally explained by Islam as “origin” without the need for further analyses. As a result, an irresolvable mixture of religion and culture takes
place and a deterministic and static reading of these categorical terms is
established in public space. Historically determined and deep-seated racisms
form a kind of self-sustaining cycle in accordance with modern discourses, which makes anti-Muslim attitudes appear particularly viable.
KeywordsKeywords
Islam, diversity, antimuslim racism, feminism, islamophobia
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Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
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