Intersektionalität und Religion(swissenschaft) I - 30.3
Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 75. EL 2023 1
ZusammenfassungZusammenfassung
Intersektionalität ist in den letzten Jahrzehnten zu einer essenziellen Ana-
lysekategorie in den Sozial- und Kulturwissenschaften geworden. Religion
spielt hierbei eine besondere Rolle als Teil intersektionaler Identitäten. Dieser
Artikel geht zunächst auf die Geschichte und Entwicklung des Konzepts der
Intersektionalität ein. Hierbei stehen insbesondere die Theorien von Audre
Lorde, Kimberlé Crenshaw und Patricia Hill Collins im Zentrum. In einem
zweiten Schritt wird die Rolle der Religion als intersektionale Kategorie und
der Religionswissenschaft für die Intersektionalitätsforschung selbst unter-
sucht. Da Intersektionalität kein feststehendes Konzept ist, sondern bestän-
dig weiterentwickelt wird, wird auch auf zwei spezifische Formen der Kritik
am rezenten Verständnis von Intersektionalität eingegangen. Besonders in
den Blick genommen wird die Bedeutung von Religion in ihrem doppelten
Effekt als Unterdrückungsinstrument und Ermächtigungsmöglichkeit.
SchlagwörterSchlagwörter
Intersektionalität, Geschlecht, Race, Klasse, Sexualität, Religionswissen-
schaft
I - 30.3 Intersektionalität und Religion(swissenschaft)
[Intersectionality and (the Study of) Religion]
Jessica A. Albrecht
Submitted June 07, 2022, and accepted for publication December 12, 2022
Editor: Stefan van der Hoek
SummarySummary
In recent decades, intersectionality has become an essential category of ana-
lysis in the social and cultural sciences. Religion plays a special role as part
of intersectional identities. This article begins by reviewing the history and
development of the concept of intersectionality. In particular, it focuses on
the theories of Audre Lorde, Kimberlé Crenshaw, and Patricia Hill Collins.
In a second step, the role of religion as an intersectional category and of
religious studies for intersectionality research itself will be examined. Since
intersectionality is not a fixed concept but is constantly evolving, two spe-
cific forms of critique of the recent understanding of intersectionality will
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I - 30.3 Intersektionalität und Religion(swissenschaft) 2© Westarp Science Fachverlag
1 E
Intersektionalität wurde in den letzten Jahren zu einem Schlagwort, das nicht
mehr nur im akademischen Bereich zu finden ist. Unter Intersektionalität wird
die Intersektion, also Kreuzung, Ăśberlappung und Verstrickung, verschiede-
ner Diskriminierungen und Privilegierungen verstanden, die auf diese Art
individuelle oder kollektive Identitäten bilden. So steht Religion mit anderen
Identitäten wie Geschlecht, race
1
, Herkunft, Klasse, Alter und vielen mehr in
ständiger, vielseitiger und wandelbarer Beziehung. Sie sind alle Teil intersekti-
onaler Identitäten, die besonders dann sichtbar werden, wenn sie diskriminiert
werden oder aufgrund ihrer UnterdrĂĽckung gelebt werden. Auf der anderen
Seite treten sie auch dann besonders zutage, wenn Kritik an bestehenden Ge-
sellschaftssystemen geäußert wird, beispielsweise im Feminismus und in der
Rassismuskritik.
Intersektionalität hat als Konzept und Analysekategorie in den letzten Jahr-
zehnten Eingang in die internationale und deutschsprachige Religionswis-
senschaft gefunden und ist insbesondere aus der geschlechtertheoretischen
Perspektive des Faches kaum mehr wegzudenken.
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Die Bedeutung von Inter-
sektionalität für die Religionswissenschaft ist zweigeteilt. Zum einen ist Re-
ligion selbst eine intersektionale Kategorie. Religion hängt notwendigerweise
mit anderen Identitäten zusammen und muss in der Religionswissenschaft
als solche untersucht werden. Hinzu kommt zum anderen die besondere Be-
ziehung von Intersektionalität und Religion. Denn Religion selbst wird von
intersektionalen Identitäten geschaffen, kommuniziert und verfestigt. Sie ist
nicht immer eine Form der UnterdrĂĽckung, sondern kann auch zur Emanzi-
pation und Selbstermächtigung dienen und dabei intersektionale Formationen
verschieben. Eine machtkritische Religionswissenschaft kommt somit nicht an
einer intersektionalen Perspektive vorbei. Ohne Intersektionalität kann nur ein
Bruchteil der Komplexität gesehen werden, die
 – auch und vor allem in und mit
Religion – soziale Positionierungen im Allgemeinen und Marginalisierungen
im B
esonderen bedeuten kann.
also be addressed, especially with regard to the meaning of religion in its
dual effect as an instrument of oppression and a possibility of empowerment.
KeywordsKeywords
Intersectionality, gender, race, class, sexuality, religious studies
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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