Konfessionslose in Deutschland I - 28.1
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 55. EL 2018 1
I - 28.1 Konfessionslose in Deutschland
VON GERT PICKEL
Zusammenfassung
Die Anzahl der Mitglieder der christlichen Kirchen in Deutschland ist sin-
kend. Im Gegensatz dazu ist eine kontinuierliche Zunahme von Konfes-
sionslosen festzustellen. Diese Entwicklung deutet in die Richtung eines
Säkularisierungsprozesses. Aber auch andere Interpretationen sind möglich.
So könnten die Konfessionslosen zwar in Distanz zur Organisation Kirche
stehen, aber persönlich, individuell religiös sein. Der empirisch abgesicherte
Beitrag kommt zu dem Schluss, dass Konfessionslose eine vielfältige Gruppe
sind, allerdings diese Vielfalt begrenzt ist. Die meisten Konfessionslosen
sind auch nichtreligiös oder religiös indifferent. Nur eine kleine Gruppe von
vier ermittelten Typen besitzt noch religiöse Spurenelemente. Der wichtigste
Grund für die beobachtete Entwicklung ist die Erosion religiöser Sozia-
lisation in den letzten Jahrzehnten. Dies bedeutet: Religiöses Wissen und
Anschlussfähigkeit an religiöse Kommunikation erodieren. Auch Spiritua-
lität ist dabei kein Ersatz. Im Gegenteil, eine nicht unwesentliche Zahl der
Kirchenmitglieder der evangelischen und katholischen Kirche in Deutsch-
land bezeichnen sich ebenfalls als nichtreligiös oder glauben nicht mehr an
Gott. Es existiert eine enge Verbindung zwischen christlicher Religiosität
und Kirchenmitgliedschaft, aber eben auch zwischen Konfessionslosigkeit
und Nichtreligiosität. Die soziale Seite von Kirche spielt dabei eine positi-
ve Rolle fĂĽr die Mitgliedschaft. ZukĂĽnftig ist ein Weiterlaufen des bislang
beobachtbaren Prozesses einer zunehmenden Entkonfessionalisierung und
Entkirchlichung Deutschlands sehr wahrscheinlich.
Schlagwörter
Konfession, Kirche, Konfessionslose, Säkularisierung, religiöse Sozialisation
Summary
The number of members of the Christian Churches in Germany is shrin-
king. In contrast, there is a continuous rise of the number of non-members.
This development points into the direction of secularization. But, also other
interpretations are possible. Perhaps the non-members are only in distance
to the organization church, but personally religious. The empirically based
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I - 28.1 Konfessionslose in Deutschland
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article points out, that the non-members of Church are a plural group, but
that the plurality is limited. Most non-members are also non-religious or
indifferent in their religiosity. Only a small group, out of four groups of
non-members detected, is somewhat religious. The most common reason
is the erosion of religious socialization over the last decades. That means,
the relations of the non-members to religious knowledge and understanding
erode, too. Even spirituality is no substitute. No small number of members
of the Protestant and Catholic Church describes itself as non-religious or do
no longer believe in God. There is a strong connection between Christian
religiosity and Church membership, but also between non-membership and
non-religiosity. The social goods of the Church seem to play a positive role in
this relation. For the future, a continuing development to more non-members
is highly presumable.
Keywords
Confession, Church, Nonmembers, Secularization, religious Sozialization
Zur Ausgangslage – Was ist eigentlich ein Konfessionsloser?
Betrachten wir heute Debatten um die Zukunft der christlichen Religion in
Deutschland, so werden diese oft unter Bezug auf die zurĂĽckgehenden Zahlen
an Konfessionsmitgliedern gefĂĽhrt.
1
Die Zunahme der Konfessionslosigkeit
gilt als Referenz für den Erosionsprozess christlicher Religiosität sowie als
Indiz für das Voranschreiten des Säkularisierungsprozesses in Deutschland.
2
In Form des sogenannten „neuen Atheismus“ erlangt die Nichtzugehörigkeit
zu einer Konfession gelegentlich sogar eine noch sichtbarere Position in der öf-
fentlichen Diskussion, werden doch lang existierende kirchliche Rechte kritisch
hinterfragt.
3
Auch Auseinandersetzungen, ob Konfessionslose nun zugleich
religionslos sind, oder eher ein Indiz für die Unzulänglichkeit der christlichen Kirchen, ihre Mitglieder zu halten, darstellen, sind in den letzten Jahren quasi
Legion geworden.
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Selbst wenn man hinsichtlich dieser Fragen unterschiedli-
cher Meinung sein kann, ist eine Unterscheidung zwischen der Zugehörigkeit zu
einer Konfession oder einer christlichen Kirche und der subjektiven Religiosität
der Gläubigen analytisch durchaus angebracht.
5
Doch was ist Konfessionslosigkeit? Konfessionslosigkeit bezeichnet in ihrem Grundverständnis eigentlich immer eine Residualgröße zur Mitgliedschaft in
einer Religionsgemeinschaft. Sie bezieht sich auf eine organisatorisch (recht-Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 28 Seiten
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