Räume der Stille I - 24.6
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 68. EL 2021 1
Zusammenfassung
Die Bezeichnung „Raum der Stille“ umfasst eine Vielfalt an Typen und Kon-
zeptionen von Sakralraumformen, die schwerlich unter einem gemeinsamen
Nenner zu fassen sind. Meistens wird unter „Raum der Stille“ eine relativ
neue Sakralraumform verstanden, die dadurch gekennzeichnet ist, dass sie
meistens in einem den Raum umfassenden säkularen Bereich verortet ist wie
in Flughäfen, Krankenhäusern, Einkaufszentren usw. Im Zuge einer zuneh-
menden Pluralisierung der Sakralbaulandschaft in Westeuropa und Nordame-
rika gibt es eine zunehmende Vielfalt von Sakralbauformen, die, abhängig
von Konzept und Gestaltung, entweder dem monoreligiösen, dem interreli-
giösen oder dem multireligiösen Bereich zuzuordnen sind. Außerdem gibt es
„Räume der Stille“, die sich dieser Dreiteilung entziehen. Hierbei handelt es
sich meistens um schlicht gestaltete Räume, die wenig bis keine Symbolik
verwenden und eher als „leerer Raum“, „neutraler Raum“ oder „Freiraum“
gestaltet sind. Obwohl meistens konzeptionell gedacht als toleranzfördern-
der Begegnungsraum zwischen Menschen unterschiedlicher Glaubenstradi-
tionen und (nichtreligiöser) Weltanschauungen, geht die konkrete Nutzung
von Räumen der Stille oftmals mit Konflikten zwischen unterschiedlichen
Nutzergruppen einher.
Schlagwörter
Räume der Stille, Multireligiöse Räume, Interreligiöse Räume, Meditations-
räume, Andachtsräume, Kapellen, Gebetsräume, Sakralbau, Sakralraum,
Religiöse Architektur, Sakralraumtransformation
I - 24.6 R äume der Stille
[Multifaith Spaces]
Von Kim de Wildt
Submitted January 25, 2021, and accepted for publication March 24, 2021
Editor: Rainer Neu
Summary
The term “Multifaith Space” – mostly used for lack of a better word – en-
compasses a variety of types and concepts of sacred space forms that are
difficult to subsume under one common denominator. Most of the time, the
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I - 24.6 Räume der Stille
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Westarp Science – Fachverlage
0 Hinführung
Im Zuge der Pluralisierung der Sakralraumlandschaft in den letzten Jahrzehn-
ten sind neben Phänomenen wie Kirchenabriss, Kirchenumnutzung und Neu-
bau repräsentativer Synagogen und Moscheen
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verschiedene neue Typen von
Sakralbauten entstanden, die sogenannten „Räume der Stille“.
2
Diese unter
dieser Bezeichnung subsumierte Vielfalt hat sich in den letzten Jahrzehnten
immer mehr etabliert und kann nicht ohne Einbeziehung des geänderten gesell-
schaftlichen Kontexts in Bezug auf das Spiritualitäts- bzw. Religionsbedürfnis
verstanden werden. Der größer gewordenen Pluralität an religiösen und spiritu-
ellen Zugehörigkeiten und Bedürfnissen scheinen die bisherigen monoreligiösen
Sakralraummodelle nicht mehr gerecht zu werden. Nichtdestotrotz gibt es auch
heute selbstverständlich immer noch Angehörige einer bestimmten Religion
oder Konfession, die das Bedürfnis nach dem eigenen Raum haben, mit den
vertrauten Formen und Inhalten der eigenen Glaubensauffassungen, für ihre
je eigenen religiös-liturgischen Gebräuche. Daneben suchen aber Menschen,
darunter auch Menschen, die keiner religiösen Tradition (mehr) angehören,
Erfahrungen materialisierter Spiritualität in Räumen, die ihren individuellen
term “Multifaith Space” is used to denote a relatively new form of sacred space, which is characterized by the fact that it is usually located within a secular space which encompasses the multifaith space, such as airports, hos-
pitals, shopping malls, etc. The increasing plurality of the sacred landscape in
Western Europe and Northern America coincides with an increasing variety of these sacred space forms, which, depending on their respective concepts and designs, can be assigned to either the monoreligious, the interfaith or the multifaith domain. There are however also multifaith spaces that elude this
three-way division: these are mostly neutral designed rooms that contain little
to no symbolism and are more or less designed as “empty spaces”, “neutral spaces” or “free spaces”. Although predominantly conceptually conceived as a tolerance-promoting meeting space between people of different faiths and (non-religious) worldviews, the concrete use of multifaith spaces is often accompanied by conflicts between different user groups.
Keywords
Multifaith Spaces, Interfaith Spaces, Silent Rooms, Prayer Rooms, Places of
Worship, Meditation Rooms, Chapels, Sacred Space, Religious Architecture,
Transformation of Sacred Space
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Der vollständige Artikel umfasst 24 Seiten
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