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Wallfahrten im Westmünsterland

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Wallfahrten im Westmünsterland I - 23.12 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 70. EL 2021 1 Zusammenfassung Der Beitrag illustriert Einflüsse und Dynamiken, die Volksfrömmigkeit und Brauchtum in einer bestimmten Region unterworfen sind und die ihre Ent- faltung bzw. ihren Niedergang beschleunigen, am Beispiel des Wallfahrtswe- sens im Westmünsterland. Dabei zeigt sich, dass einerseits ideen- und fröm- migkeitsgeschichtliche, politische, wirtschaftliche und verkehrstechnische Faktoren die Entwicklung des Wallfahrts wesens vehement beeinflusst haben, und andererseits das Wallfahrtswesen großen Einfluss auf die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwicklung einzelner Orte nahm. Auch grenzüber- greifende Beziehungen zwischen Deutschland und den Niederlanden wurden durch das Wallfahrtswesen mitbestimmt. Doch auch auf die Entwicklung der Volksfrömmigkeit selbst, deren Ausdruck das Wallfahrtswesen ist, wir- ken die genannten Faktoren zurück. Nachdem sich die mittelalterliche Form der Wallfahrten als Vermittlungsinstanz sozialdisziplinierter Frömmigkeit überlebt hatte, sollte seit dem Zeitalter der Aufklärung ein tugendhaftes re- ligiöses Leben ohne das Wallfahrtwesen verwirklicht werden, was zu einem Bruch der Beziehungen zwischen Volksfrömmigkeit und amtskirchlicher Theologie führte. Seit einigen Jahrzehnten zeigt sich ein neues Interesse am Besuch spiritueller Orte und an einer Verbindung körperlicher Aktivitäten mit geistigen Anregungen. Schlagwörter Bilderverehrung, Brauchtum, Katholische Aufklärung, Pilgerfahrt, Reliqui- enkult, Volksfrömmigkeit, Wallfahrtswesen I - 23.12 W allfahrten im Westmünsterland [Pilgrimages in the Westmünsterland] Von Hermann Terhalle Submitted May 25, 2021, and accepted for publication August 23, 2021 Editors: Rainer Neu, Mirko Uhlig Summary Drawing on the example of pilgrimages in western Münsterland, this article deals with influences and dynamics shaping popular piety and regional cus- toms in a certain region accelerating their rise and their decline. It will be shown that on the one hand elements of popular piety, world view, politics, --- Seite 1 Ende --- I - 23.12 Wallfahrten im Westmünsterland 2 Westarp Science – Fachverlage 0 Einleitung Als im 11. Jahrhundert die Wallfahrt ins Heilige Land immer gefährlicher wurde, traten andere Orte als Ziele an die Stelle, darunter vor allem die Apostel- gräber in Rom oder das Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostela in Nordwestspanien. An den Gräbern der Apostelfürsten Petrus und Paulus erhoben sich seit dem 4. Jahrhundert prächtige Kirchen. In Nordwestspanien war zwischen 818 und 834 in Santiago de Compostela das Grab des Apostels Jakobus („Sanct’Iaco“) entdeckt worden. In der zweiten Hälfte des 11. Jahr- hunderts, als das Heilige Land nicht besucht werden konnte, entwickelte sich dann Santiago zu einem wichtigen Pilgerziel. Man musste nicht unbedingt sel- ber pilgern, man konnte auch andere für sich gegen Bezahlung pilgern lassen. Dass der Betreffende auch wirklich am Zielort war, musste er bei der Rückkehr durch eine Pilgermarke nachweisen. Doch schafften es findige Leute, dies durch Fälschungen der Pilgermarke zu unterlaufen. Führten die eben genannten Wallfahrten zu den Gräbern berühmter Heiliger oder, was Jerusalem betrifft, zum Wirkungsort Jesu selbst, so sind es später Orte, an denen Gegenstände aufbewahrt werden, die mit Jesus oder mit be- rühmten Heiligen in Verbindung stehen, etwa die Wallfahrten zum Heiligen Rock nach Trier oder die alle sieben Jahre stattfindende Aachener Heiligtums- fahrt, zu der die Aachener Heiligtümer aus dem Marienschrein des Aachener Doms geholt werden. economy and development of public transportation strongly influence the development of pilgrimages, and on the other hand pilgrimages insert strong influences on the economic and infrastruc tural development of individual towns. Also cross-border relationships between Germany and the Netherlands have been shaped by pilgrimages. But the factors mentioned also act back to the development of popular piety itself whose expression pilgrimages are. Since the Age of Enlightenment, after the medieval form of pilgrimages as mediator of socially disciplined piety had been out of date, a virtuous religious life without pilgrimages should be realized resulting in a break between popular piety and church theology. Yet, for several decades, there is a new interest in visiting sacred places and connecting physical activities with spiritual stimuli. Keywords Catholic enlightenment, image worship, pilgrimage, popular piety, regional customs, relic cult
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