Die „Körperliche Renaissance der Juden“ I - 20.5
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 63. EL 2020 1
Zusammenfassung
Die jüdische Sportbewegung war Teil des allgemeinen Säkularisierungs-
prozesses jüdischer Identität. Im Rahmen der Emanzipationsdebatten und
der Debatten um „Deutschtum und Judentum“ erhielten Fragen nach der
Erkennbarkeit, der Leistungsfähigkeit und Andersartigkeit jüdischer Körper
zunehmend an Bedeutung. Mit Bezügen zu vormodernen anti-jüdischen Ste-
reotypen insbesondere der christlichen Theologie entwickelten sich virulente
Vorstellungen jüdischer Körperlichkeit. Eine zusätzliche Dynamik erhielt
dieser Ausgrenzungsdiskurs im Rahmen neuer medizinischer Diskurse, ins-
besondere durch verwissenschaftlichte Rassentheorien, die gruppenspezifi-
sche Degenerationserscheinungen festschrieben. Über die Integration gesamt-
gesellschaftlicher Sichtweisen seitens der sich verbürgerlichenden jüdischen
Bevölkerung wurden diese Vorstellungen feste Bestandteile einer säkularen
jüdischen Selbstwahrnehmung, die sich weitgehend von Religion und kul-
turellem Wissen ablöste, und für ein jüdisches nationales Selbstverständnis
kennzeichnend blieben.
Schlagwörter
Emanzipation (von Juden), Identitätsdiskurs (jüdischer), Jüdischer Sport, Jü-
dische Turnvereine, Körperästhetik (jüdische), Militarisierung, Rassismus
(Rassentheorie), Wehrtauglichkeit (von Juden), Zionismus/Jüdischer Natio-
nalismus
I - 20.5 Die „Körperliche Renaissance der Juden“.
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Juden und Sport.
[The Physical Renaissance of the Jews.
Jews and Sports.]
Von Andreas Gotzmann
Submitted September 24, 2019, and accepted for publication January 02, 2020
Editors: Walter Homolka & Hartmut Bomhoff
Summary
The Jewish athletic movement is part of the general process of secularization
of Jewish identities in modern time. Building on anti-Jewish stereotypes of
christian theology, the debates about the emancipation of the Jews and later-
--- Seite 1 Ende ---
I - 20.5 Die „Körperliche Renaissance der Juden“
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Westarp Science – Fachverlage
0 Einleitung
Seit dem 18. Jahrhundert sind herausragende jüdische Athleten bekannt, zu-
weilen entwickelte sich in unterschiedlichen jüdischen Gemeinschaften ein
größeres Interesse an spezifischen sportlichen Disziplinen und zum Teil auch
ein Interesse an eigener sportlicher Betätigung. Die Zunahme dieses Interesses,
vor allem seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, verlief in den westlichen
jüdischen Gesellschaften parallel zur allgemein wachsenden Attraktivität des
Sports und führte zu einer kaum bezifferbaren Beteiligung spezifischer Be-
völkerungsschichten. Wenn man von jüdischem Sport spricht, meint man in
der Regel aber nicht ein allgemeines, sondern ein ganz spezifisches Interesse,
in der Regel eine für die Minderheit charakteristische Verhaltensdifferenz zur
Majorität, also zum Beispiel das Herausbilden eigenständiger Vereinigungen,
spezifischer programmatischer Grundlagen für das sportliche Tun oder eine
ungewöhnliche Wahl der Sportarten.
1 Leibesertüchtigung und Religion
Die Frage nach dem Verhältnis von Religion und Sport lässt sich für das Ju-
dentum recht schnell beantworten: Sport stellte und stellt im Judentum kein
zentrales Thema des religiösen Lebens dar. Wiewohl das rabbinische Recht, die
Halacha, der Gesunderhaltung des Körpers einen grundlegenden Stellenwert
on about „Germanness and Jewishness“, constituted a broad discourse about
the visibility, the specifics, and the fitness of the Jewish body. As a part of
the upcoming medical debates and race theory, ideas about the lasting cor-
poreal difference of Jews became a commonplace, defining the Jewish body
as sickly and unfit. The rapid integration of the German-Jewish population
in the middle-classes, which involved the adoption of such negative concepts
about Jews and Jewishness by the Jewish population, racial thinking and the
idea of body-deficiencies were deeply influential to the modern Jewish per-
ception of the self and became a decisive aspect of the secularized nationalist
concepts of Jewishness.
Keywords
Emancipation (by Jews), identity discourse (Jewish), Jewish sports, Jewish
gymnastics clubs, body aesthetics (Jewish), militarization, racism (racial the-
ory), military fitness (by Jews), Zionism / Jewish nationalism
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Der vollständige Artikel umfasst 29 Seiten
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