I - 20.4

Laufen ist wie Beten

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Laufen ist wie Beten I - 20.4 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 54. EL 2017 1 I - 20.4  Laufen ist wie Beten VON STEFAN SCHNEIDER Zusammenfassung In einer zunehmend nicht mehr körperlich arbeitenden Gesellschaft kommt dem Faktor Bewegung heute nicht mehr nur eine physische, sondern auch eine psychische und damit seelische Bedeutung zu. Diesem Gedanken sollte sich eine moderne Theologie nicht verschließen. Dieser Artikel behandelt zu Beginn die christlich-historische Entwicklung des Leib-Seele-Gedankens, re- flektiert diesen vor einem modernen, physiologisch-medizinischen VerstĂ€nd- nis, insbesondere mit einem Blick auf die neurophysiologischen Grundlagen. Der zweite Teil des Artikels widmet sich dem Zusammenhang von Sport/ Bewegung und SpiritualitĂ€t und begegnet der althergebrachten Kritik der Kirchen an der Idee des Sports – nicht ohne anzuregen, dass eine solche Kritik immer im gesellschaftlichen Kontext zu betrachten ist. Im letzten Absatz des Artikels folgen dann praktische Implikationen fĂŒr eine Integration des Sport- und Bewegungsgedankens in den Gemeindealltag. Mit einem ganz klaren Imperativ Sport und Bewegung als Grundlage eines ganz- heitlichen Modells von (spiritueller) Gesundheit zu betrachten. Summary Within a society that is characterized by a sedentary life-style, physical exer- cise can no longer be regarded just in terms of physical health but also plays role when it comes to psychological and mental health, two terms that Chris- tians also refer to as ‘soul’. Such a holistic approach towards health should not be neglected by a modern theology. This article tries to express the historical development of the Christian idea of a unity of body and soul and reflects this against the background of a modern, physiological model of a body-soul entity, with a special emphasize on the underlying neurophysiological mechanisms. The second part of this article is dedicated towards the relationship between exercise and spirituality. Traditionally there is a certain antipathy against exercise in ecclesiastical circles, but obviously such a position is influenced by the societal context and therefore needs to be revised from time to time. The last paragraph gives some ideas how to include exercise activities in the parish community. This paragraph also advises clearly to recognize exercise as a holistic pathway to (spiritual) health. --- Seite 1 Ende --- I - 20.4 Laufen ist wie Beten 2 Einleitung Bedingt durch weitreichende VerĂ€nderungen in den Lebens- und Arbeitsbe- dingungen, den damit verbundenen Gewinn an Freizeit, aber auch den Verlust der Notwendigkeit körperlicher ErwerbstĂ€tigkeit, ist in den vergangenen Jahr- zehnten eine große und vielfĂ€ltige Gemeinde aktiv Sporttreibender gewachsen. Im Zentrum dieser Bewegung steht heute vor allem der Wunsch, prĂ€ventiv im Sinne der physischen Gesundheit zu handeln. DarĂŒber hinaus bewirkt körper- liche AktivitĂ€t aber auch – und das bislang wenig beachtet – weitreichende emotionale VerĂ€nderungen, die durchaus auch als spirituelles oder religiöses Erlebnis zu bewerten sind. Im Gegensatz dazu hĂ€lt die kirchliche Kritik am Sport weiterhin an dem nach außen sichtbaren Sport fest und erfasst eine darĂŒber hinausweisende Dimen- sion des Sports kaum. Die Kritik am Sport allein an einem öffentlich wahr- nehmbaren Sport abzuleiten, bleibt zu oberflĂ€chlich und wird dem PhĂ€nomen Bewegung nicht gerecht. Anthropogenetisch ist Bewegung ein archaisches, intrinsisch motiviertes PhĂ€nomen. Mit Beginn des Informations- und Medien- zeitalters wird jedoch aus dem homo erectus ein homo sedens mit weitreichen- den Folgen fĂŒr die körperliche und seelische Gesundheit. Nicht nur der Verlust einer Balance von Be- und Entlastung, die bereits im benediktinischen Ora et Labora angedeutet ist und fĂŒr die Gattung Mensch der letzten Jahrtausende ganz charakteristisch ist, auch der Mangel an Grenzerfahrungen, körperlichen wie seelischen Herausforderungen, bedingen weitreichende Folgen fĂŒr die Leib- Seele-Einheit des Menschen und charakterisieren gleichzeitig die spirituell wirksamen Möglichkeiten des Sports. Dieser Artikel soll helfen zu verdeutli- chen, wie wichtig es ist, körperliche AktivitĂ€t nicht nur aus dem Blickwinkel physischer, sondern auch seelischer Gesundheit zu betrachten. In einer insge- samt zu sedenten Gesellschaft bieten Sport und Bewegung Alternativen, die Einheit von Leib und Seele wiederherzustellen 1 und damit ZugĂ€nge zu einem spirituellen Erleben zu öffnen. Dessen sollte sich die Theologie bewusst werden. Leib-Seele-Einheit/Leib-Seele-Dualismus: christlich-historisch und ­physiologisch Das Leib-Seele-Problem ist ein generisches Problem der Neuzeit, welches sich insbesondere aus dem durch Descartes vertretenen Dualismus von res cogitans und res extensa als zweier unabhĂ€ngiger Einheiten herleitet. 2 Nichtsdestotrotz dĂŒrfen theologisch-kirchliche Strömungen der frĂŒhen Kirche bis hinein in die Westarp Science – Fachverlage
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Der vollstÀndige Artikel umfasst 22 Seiten