Kirchenumnutzung I - 14.10.2
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 60. EL 2019 1
Zusammenfassung
Seit einigen Jahrzehnten wird das Thema der Kirchenumnutzung in medi-
alem Diskurs und Wissenschaft zunehmend diskutiert. Phänomene wie der
demografische Wandel, Traditionsverlust, Säkularisierung, zurückgehende
Kirchenmitgliedschaft und Priesterzahlen, und besonders rückläufige Fi-
nanzen werden als GrĂĽnde fĂĽr KirchenschlieĂźung und Kirchenumnutzung
genannt. Wenn eine Kirche aus dem liturgischen Dienst genommen wird,
handhaben die beiden größten christlichen Konfessionen eine Nutzungshie-
rarchie für eine „angemessene Umnutzung“. Kirchenbauten werden meistens
entweiht: profaniert (römisch-katholisch) oder entwidmet (evangelisch), wenn
sie dem profanen Gebrauch ĂĽbertragen werden. Im Katholizismus und Pro-
testantismus gilt der Kirchenabriss als die ultima ratio, die erst dann erfolgen
soll, wenn alle andere Umnutzungsoptionen nicht zu realisieren sind.
Schlagwörter
Kirchenumnutzung, Profanierung, Entwidmung, KirchenschlieĂźung, Ent-
kirchlichung, Traditionsverlust, Kirchenraum, Sakralraum, Sakralität, Kirch-
weihe
Editor: Michael Klöcker
I - 14.10.2 K irchenumnutzung
[Church Reuse]
Von Kim de Wildt und Robert J.J.M. Plum
Summary
The topic of church reuse or church conversion has led to intensified debates
in the media and scholarly discourses during the last decades. Phenomena
such as demographic change, loss of tradition, secularization, decline in
church membership and priesthood, and predominantly falling-back finances
are cited as arguments for church closure and church reuse. When a church is
taken out of liturgical use, the two largest Christian denominations employ
a usage hierarchy for “appropriate reuse”. Church buildings are usually
deconsecrated: “profaniert” (Roman Catholic) or “entwidmet” (Protestant)
when they are passed on to profane use. In Catholicism and Protestantism,
church demolition is considered the “ultima ratio” and should only then take
place when all other conversion options cannot be realized.
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I - 14.10.2 Kirchenumnutzung
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Westarp Science – Fachverlage
0 HinfĂĽhrung
Kirchenumnutzung ist, trotz zunehmender Säkularisierung und Privatisierung
von Religion, ein kontrovers diskutiertes Thema, das oft in den Schlagzeilen der
Medien auftaucht. Obwohl es bei den umgenutzten Kirchenbauten hierzulande
bis jetzt wohl noch um eine vergleichsweise geringe Anzahl geht, vermitteln die
darĂĽber informierenden Berichte den Eindruck, es handle sich um eine Krise,
die auch nicht-religiöse Menschen betrifft. Dieser Umstand und die öfters aus-
gesprochene Erwartung, dass die Problematik von KirchenschlieĂźung in den
kommenden Jahren immer mehr auf uns zukommt, zeigt, dass die Thematik
von Kirchenumnutzung unumgänglich ist. „Die besondere Aktualität und ge-
sellschaftliche Brisanz des Themas Kirchenumnutzung dokumentiert sich in
einer Vielzahl von Veranstaltungen und Publikationen, die sich aus unterschied-
lichen Blickwinkeln – innerkirchlich, denkmalpflegerisch, soziologisch – in den
letzten zehn, fĂĽnfzehn Jahren mit Fragen zum Erhalt und zur Nachnutzung von
Sakralbauten auseinandergesetzt haben.“
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Das Phänomen der Kirchenumnutzung ist kein neues Phänomen. Besonders im
16. – 19. Jahrhundert waren manche Kirchenbauten nicht nur passive Zeitzeugen
vieler geschichtlicher Umwandlungen, sondern auch selbst diesen Umwand-
lungen unterzogen. Mittlerweile hat sich die Auffassung durchgesetzt, dass an
der Umwandlung von Kirchbauten auch Kristallisationspunkte der jeweiligen
gesellschaftlichen Entwicklungen ablesbar sind. Laut dem Kunsthistoriker
Markus Harzenetter war Kirchenumnutzung vornehmlich „an Säkularisati-
onsprozesse gekoppelt, wie diese bereits im 16. Jahrhundert während und in-
folge der Reformation stattfanden.“
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Solche Umnutzungen betrafen die neue
Nutzung bzw. Ăśbernahme der Kirchenbauten von der einen Konfession durch
eine andere oder durch einen neuen politischen, bzw. staatlichen Machthaber.
Dass die Reformation ein wichtiger Grund fĂĽr Kirchenumnutzung war, hat
auch der Soziologe Nico Nelissen in Bezug auf die Niederlande beschrieben:
„Während der Reformation wurden in den Niederlanden zahlreiche katholische
Kirchen für den protestantischen Gottesdienst umgenutzt […]“.
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Aber nicht nur
die innerkirchlichen Entwicklungen wie die Reformation trugen dazu bei, dass
Kirchen umgenutzt wurden: „Manchmal war die Umnutzung auch das Ergebnis
drastischer Maßnahmen des Staates, zum Beispiel in der sogenannten französi-
Keywords
Adaptive Reuse Churches, Church Reuse, Church Conversion, Church Clo-
sure, Church Building, Sacred Space, Sacrality, Church Consecration
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Der vollständige Artikel umfasst 30 Seiten
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