Passionsspiele im deutschsprachigen Europa I - 14.7.5
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 62. EL 2019 1
Zusammenfassung
Die Geschichte der Passionsspiele im deutschsprachigen Europa verlief in
Wellen. Auf Hochphasen, in denen die Spiele an vielen Orten Tausende von
Besuchern anlockten, folgten Phasen des Niedergangs – nicht selten ausgelöst
von einem Wandel in den Frömmigkeitsvorstellungen, den die konkrete, auch
von profanen Interessen geformte AuffĂĽhrungspraxis nicht angemessen adap-
tieren konnte. Die Passionsthematik – das Leiden und Sterben Christi – fand
erstmals im 13. Jahrhundert Eingang in mittelalterliche Simultanspiele. In
ihrer höchsten Blüte an der Wende zur Neuzeit provozierte reformatorische
Kritik einen ersten tiefen Einbruch, den erst die Gegenreformation zumindest
in katholischen Gebieten beendete. In ihrem Fahrwasser konnte sich auch das
1633/34 begründete Passionsspiel von Oberammergau etablieren. Während
der Rationalismus der Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts fast überall zu
einem generellen Verbot von Passionsspielen fĂĽhrte, konnte die Gemeinde
Oberammergau Ausnahmegenehmigungen erwirken und ihre Spieltradition
fortfĂĽhren. Oberammergau bildete fortan das Vorbild nahezu aller im 19.
Jahrhundert neu- und wiederbegrĂĽndeten Passionsspiele, die sich nun nicht
allein als fromme Schauspiele, sondern verstärkt auch als nationale Festspiele
verstanden. Zwischen den Weltkriegen suchten daher junge Theatermacher –
oft im Umfeld der Laienspielbewegung – nach neuen Ausdrucksformen für
die Darstellung der Passion; ein Aufbruch, den die Nationalsozialisten rigoros
unterbanden. Nur Oberammergau behauptete einmal mehr seine Ausnahme-
stellung. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts rangen schließlich die
wenigen verbliebenen oder neugegrĂĽndeten Passionsspiele mit ihrer Tradition
und suchten nach neuen Legitimationsstrategien, die sie mittlerweile in der
Rolle als kulturelle Zentren im ländlichen Raum gefunden zu haben scheinen.
Schlagwörter
Passionsspiel, Simultantheater, Gegenreformation, Generalverbot, Oberam-
mergau, Nationale Festspiele, Laienspielbewegung, Kulturelles Zentrum,
Ländlicher Raum
I - 14.7.5 P assionsspiele im deutschsprachigen Europa
[Passion plays in the German-speaking Europe]
Von Jochen Ramming
Submitted June 07, 2019, and accepted for publication September 17, 2019
Editor: Michael Klöcker
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I - 14.7.5 Passionsspiele im deutschsprachigen Europa
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0 Einleitung
Mit klaren Worten entwickelte Martin Luther 1519 im verfassten „Sermon von
der Betrachtung des heyligen Leidens Christi“ seine reformatorischen Vorstel-
lungen von einem angemessenen „Bedencken“ der Passion Jesu. Er fordert darin
die Gläubigen auf, durch die ernsthafte Auseinandersetzung mit den Ereignissen
auf Golgatha ihre persönliche Schuld an der Marter Christi zu erkennen, um
sich dann bußfertig Gott anzuvertrauen. Die rein äußerliche Betrachtung des
Summary
The history of the Passion plays in the German-speaking Europe went in
waves. On high stages, when the games attracted thousands of visitors in
many places, there were periods of decline – often triggered by a change
in the conceptions of piety that the concrete performance practice, shaped by profane interests, could not adequately adapt. The Passion theme – the
Passion and Death of Christ - was first used in medieval simultaneous games
in the 13th century. In its heyday at the turn of the modern era, Reformation
criticism provoked a first deep collapse, which only the Counter-Reformation
ended, at least in Catholic areas. The Passion Play of Oberammergau, founded
in 1633/34, was able to establish itself in its fairway. While the rationalism of the Enlightenment at the end of the 18th century led to a general ban on Passion plays almost everywhere, the Oberammergau community was able to obtain exemptions and continue its tradition of play. Oberammergau was from then on the model of almost all in the 19th century new and re-founded
Passion plays, which are now not understood only as pious spectacles but
increasingly also as a national festival. Between the World Wars, therefore,
young theater makers – often in the context of the amateur movement – sought
new ways of expressing the Passion; an upheaval that the National Socialists rigorously suppressed. Only Oberammergau claimed once more its excep- tional position. Finally, in the second half of the twentieth century, the few remaining or newly founded Passion plays clashed with their tradition and sought new strategies of legitimacy that they now seem to have found in the role of cultural centres in rural areas.
Keywords
Passion Play, Simultaneous Theater, Counter Reformation, General Ban,
Oberammergau, National Festival, Amateur Movement, Cultural Center,
Rural Area
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Der vollständige Artikel umfasst 26 Seiten
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