Bestattungskultur der Gegenwart I - 14.7.3
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 58. EL 2018 1
Zusammenfassung
Die Bestattungskultur durchläuft zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine grund-
legende Zäsur. Dies gilt zunächst für die Bestattungsrituale, die sich – lange
Zeit von christlichen Liturgien geprägt – zunehmend als Patchwork-Zeremo-
nien zeigen und unterschiedlichen, nicht zuletzt multikukulterellen und mul-
tireligiösen Einflüssen unterliegen. Zugleich verändern sich die Schauplätze
der Bestattung: Der klassische Friedhof in kommunaler beziehungsweise
kirchlicher Trägerschaft verliert seine bisherige fast monopolartige Rolle.
Bei zunehmender Zahl und Formenvielfalt der Aschenbeisetzungen spielt
die Bestattung in der freien Natur (Naturbestattungen) eine immer wichtigere
Rolle. Hinzu kommen neue Bestattungsorte in den Städten, wie sie sich unter
anderem in den so genannten Bestattungskirchen zeigen. Insgesamt lässt
sich der aktuelle Wandel der Bestattungskultur als eine gesellschaftliche,
kulturelle und räumliche Partikularisierung charakterisieren.
Schlagwörter
Naturbestattung, Aschenbeisetzung, Friedhof, Bestattungsritual, Gemein-
schaftsgrabstätte, öffentliche Gedenkkultur
Summary
The funeral culture goes through a fundamental turning point at the begin-
ning of the 21st century. This applies first of all to burial ceremonies, which
have long been influenced by Christian liturgies and increasingly show up as
patchwork ceremonies and are subject to various, last not least multicultural
and multireligious influences. At the same time, the places of the funeral
change: The traditional cemetery in municipal or ecclesiastical ownership
loses its previous almost monopolistic role. As the number and variety of
cremations increase, natural burials (green burials) play an important role.
There are also new burial places in the cities, for example in the so-called
Editor: Mirko Uhlig
I - 14.7.3 Bestattungskultur der Gegenwart
[Funeral Culture of the Present]
Von Norbert Fischer
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I - 14.7.3 Bestattungskultur der Gegenwart
2
Westarp Science – Fachverlage
1 EinfĂĽhrung
Die Bestattungskultur durchläuft zu Beginn des 21. Jahrhunderts eine grund-
legende Zäsur. Aus gesellschaftlicher Perspektive verlieren die bislang in der
Bestattungskultur dominanten sozialen Institutionen, vor allem Familie und
Kirche, ihre bisherige Bedeutung. An ihre Stelle treten neue, freiere soziale
Formationen. Dies gilt auch für die Bestattungsrituale, die sich – lange Zeit
von christlichen Liturgien geprägt – zunehmend als Patchwork-Zeremonien
zeigen und unterschiedlichen Einflüssen unterliegen. Zugleich verändern sich
die Schauplätze der Bestattung: Der klassische Friedhof in kommunaler bezie-
hungsweise kirchlicher Trägerschaft verliert seine bisherige, fast monopolartige
Rolle. Bei zunehmender Zahl und Formenvielfalt der Aschenbeisetzungen spielt
die Bestattung in der freien Natur (Naturbestattungen) eine immer wichtigere,
jedoch weiterhin durch gesetzliche Vorschriften eingeschränkte Rolle. Hinzu
kommen neue Bestattungsorte in den Städten, wie sie sich unter anderem in
den sogenannten Bestattungskirchen zeigen.
Insgesamt lässt sich der aktuelle Wandel der Bestattungskultur als eine ge-
sellschaftliche, kulturelle und räumliche Partikularisierung charakterisieren.
Diese repräsentiert die sepulkralen Muster veränderter gesellschaftlicher Le-
benswelten: Tradierte soziale Strukturen wandeln sich beziehungsweise lösen
sich auf, räumliche Bindungen und Eingrenzungen verflüssigen sich. Diese
Entwicklungen können unter Leitbegriffen wie Flexibilisierung, Individuali-
sierung und Exterritorialisierung gefasst werden.
Kulturhistorisch war der Friedhof mit seinen zumeist familienbezogenen
Grabstätten bis zum Ende des 20. Jahrhunderts der zentrale Schauplatz von
Bestattung, Trauer und Erinnerung. Die Grabstätte bedeutete gesellschaftli-
che Identität auch nach dem Tod. Mit Grabdenkmal, Grabbepflanzung und
Grabbesuchen gab es einen festgefĂĽgten Rahmen. Diese idealtypischen Muster
entstammten der bĂĽrgerlichen Trauerkultur des 19. Jahrhunderts. Sie setzten
voraus, dass der Kreis der Hinterbliebenen, namentlich der Familie, in der Regel
über mehrere Generationen vor Ort ansässig war. Hingegen haben in der von
burial churches. Overall, the current change in the funeral culture can be
characterized as a social, cultural and spatial particularization.
Keywords
Green Burial, Cremation, Cemetery, Funeral Ceremony, Community Burial,
Public Mourning
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Der vollständige Artikel umfasst 10 Seiten
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