I - 14.5.5

Allerseelen/Allerheiligen ... Halloween

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Allerseelen/Allerheiligen – Halloween I - 14.5.5 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 54. EL 2017 1 I - 14.5.5  Allerseelen/Allerheiligen – Halloween VON KATRIN BAUER Im Zuge fundamentaler gesellschaftlicher Wandlungsprozesse, die mit den Stichworten Pluralisierung, Spiritualisierung und Entkirchlichung nur ange- deutet werden können, veränderte sich auch die Bedeutung von Allerheiligen/ Allerseelen. Die Prominenz von Halloween, einem Party-Termin am Vorabend des 1. Novembers mit Bezügen zu Allerheiligen, nahm zu. Aktuell können ganz unterschiedliche, parallel verlaufende Entwicklungen dieser drei Totengedenk- tage festgestellt werden. Zur Entstehung von Allerheiligen Allerheiligen gilt als das Sammelfest aller Heiligen, war lange Zeit in den Os- terfestkreis integriert und wurde am ersten Sonntag nach Pfingsten begangen. Bereits für das 4. Jahrhundert sind im Orient Feste zum Gedenken der Märtyrer belegt, im 7. Jahrhundert beging man im Rom die Kirchweih des Pantheon zu Ehren der Jungfrau Maria und aller Märtyrer. Dieses Totengedenken wurde – theologisch passend – in den Osterfestkreis gelegt: „Die Erinnerung an Tod und Auferstehung Christi wird im Gedenken an die Märtyrer nochmals wiederholt und die Mittlerrolle der Heiligen reprä- sentiert.“  1 Erst im 8. Jahrhundert setzte sich eine Verlagerung des Termins durch und die rituelle Verbindung von Osterbotschaft und Totengedenken wurde aufgelöst. Im Jahr 835 ordnete Papst Gregor IV. den Gedenktag der Heiligen – Allerheiligen – für die Gesamtkirche an und verlegt ihn auf den 1. November. Damit wurde eine Verbindung zu der in dieser Jahreszeit im Verfall begriffenen Umwelt hergestellt: „Im Hintergrund steht [...] die vergehende Natur, über der die unvergäng- liche Welt der Heiligen sichtbar wird.“  2 Zur Entstehung von Allerseelen Das Allerseelenfest ist, anders als Allerheiligen, Gedenk- und Bitttag für die Seelen aller Verstorbenen. Schon seit dem 2. Jahrhundert wurden an bestimm- ten Tagen Gebete für Verstorbene abgehalten. Auch diese waren zunächst meist in den österlichen Festkreis integriert. Im Jahr 998 initiierte Abt Odilo von --- Seite 1 Ende --- I - 14.5.5 Allerseelen/Allerheiligen – Halloween 2 Cluny (961 oder 962–1049) Allerseelen als Gedenktag in den ihm unterstehen- den Klöstern und setzte ihn auf den Tag nach Allerheiligen, den 2. November, fest. 3 In der Folge breitete sich der Gedenktag aus. Allerheiligen und Allersee- len wurden damit für die katholische Kirche „zu einer wichtigen Brücke zu den Grundgedanken der Ahnenverehrung“ 4 . Seit dem Mittelalter verschmolz Allerheiligen immer stärker mit dem Allerseelentag, der einen Tag später be- gangen wird. Zur Genese von Halloween Obwohl auch Halloween schon dem Namen nach (All Hallows' Eve oder Eve- ning) in den Brauchkomplex um Allerheiligen und Allerseelen gehört, taten sich die evangelische und katholische Kirche anfänglich schwer, als sich Ende der 1990er-Jahre Halloween in Deutschland scheinbar plötzlich ausbreitete. Irische Auswanderer brachten im 19. Jahrhundert Halloween an die amerikanische Ostküste, wo es sich höchst dynamisch wandelte. In Irland wurde das Fest vor allem mit Zukunftserforschungen, Heischegängen (hier ist der Bezug zu Aller- heiligen deutlich erkennbar), diversen Feuerbräuchen und Festessen begangen. Die heute populären Symbole wie Kürbis, Maiskolben und die ritualisierten „Trick or Treat“ 5 -Umgänge wurden erst im 20. Jahrhundert in den USA in den Brauchkomplex integriert. Ausgehend von den Kindern als Trägerschaft wurde Halloween dort seit den 1970er-Jahren auch für eine adoleszente Mittelschicht interessant und weitete sich zum gruseligen Spaß-Event. Über mediale Vermitt- lung wurde Halloween auch in die deutschen Wohnzimmer transportiert. Seit den 1990er-Jahren begann ein regelrechter Halloween-Boom mit regionaler Konzentration auf das katholische Rheinland. Rückbezüge zu einem keltischen Samhain-Fest lassen sich wissenschaftlich nicht belegen. Ritualisierungen Nicht nur in Gottesdiensten gedachten Gläubige an den ersten beiden Novem- bertagen ihrer Toten, auch zahlreiche regional verortete Bräuche und Rituale etablierten sich vor allem um Allerseelen, die unterschiedliche Strukturen und Funktionen aufwiesen. Viele Brauchhandlungen wurden allerdings im Laufe der Zeit terminlich auf Allerheiligen übertragen. 1537 berichtet etwa der Kölner Ratsherr Hermann von Weinsberg (1518–1597) von einem Gedenkgottesdienst an Allerheiligen für seine Eltern, dem anschließenden familiären Festmahl und einem gemeinsamen Friedhofsbesuch, bei dem das Grab geschmückt und mit Grablichtern beleuchtet wurde, um so auf die Vorstellungen von ewigem Leben zu verweisen:Westarp Science – Fachverlage
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