I - 14.2.2.3

Kontinuität trotz Wandel? – Religiöse Identitätsbildung der Siebenbürger Sachsen nach der politischen Wende

📖 Leseprobe – 2 von 19 Seiten
Religiöse Identitätsbildung der Siebenbürger I - 14.2.2.3 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 51. EL 2017 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 13.03.2017  2. AK  Seite 1 I - 14.2.2.3  Kontinuität trotz Wandel? Religiöse Identitäts­ bildung der Siebenbürger Sachsen nach der politischen Wende Von Lida Froriep-Wenk Wenn kollektiven Identitäten durch extremen Wandel die Auflösung droht, wie geht es dann weiter mit den Menschen, die sich diesen Identitäten zuordnen? Die Siebenbürger Sachsen haben nach 1989 einen solchen Wandel durchgemacht, als die meisten von ihnen in recht kurzer Zeit aus Rumänien nach Deutschland und Österreich auswanderten. Vor der Wende galt die lutherische Kirche in der siebenbürgisch-sächsischen Identität als unverzichtbar. Bis heute beschreiben kirchliche und weltliche Vertreter der Siebenbürger Sachsen den evangelischen Glauben und die „Heimatkirche“ als selbstverständlichen Teil ihrer Identität – auch in Deutschland. Doch welchen Stellenwert haben Kirche und Glauben im Leben von einzelnen Siebenbürger Sachsen tatsächlich heute noch? Wel- che Wandlungsprozesse haben stattgefunden und wie steht gerade die jüngere Generation der in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen dem religiösen Erbe gegenüber? Diese Fragen stellten den Kern einer qualitativen Befragung dar, die ich im Rah- men meiner Dissertation 1 2009 und 2010 unternommen habe. Die wichtigsten Ergebnisse meiner Untersuchung werden im Folgenden vorgestellt. Für eine religionswissenschaftliche Betrachtung sind dafür zuerst einige theoretische Bemerkungen zum Identitätsbegriff notwendig – gerade in Bezug auf „Religi- on“. Anschließend werden einige Schlaglichter der Geschichte der Siebenbürger Sachsen im Kontext „Identität und Heimatkirche“ vorgestellt, um auf dieser fundierten theoretischen und historischen Basis schließlich zu der empirischen Fragestellung zu gelangen. Religion und Identität Ähnlich wie für „Religion“ existiert für den Identitätsbegriff keine einheitliche Definition. Dementsprechend lässt sich meines Erachtens „Identität“ nur sinn- voll als Arbeitsdefinition in Bezug auf den Forschungsgegenstand beschreiben. Für die Betrachtung der religiösen Identitätsbildung der Siebenbürger Sachsen aus einer religionswissenschaftlichen Perspektive bietet sich eine sozialwissen- schaftliche Ausrichtung an, das verhindert die Annahme von Identität als fak- tisch gegeben und feststehend. Daraus folgend werden die Identitätsbilder der Innenperspektive nicht lediglich reproduziert, sondern distanziert und kritisch hinterfragt. Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Identität muss Innen- und --- Seite 1 Ende --- I - 14.2.2.3 Religiöse Identitätsbildung der Siebenbürger 2 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 13.03.2017  2. AK  Seite 2 Außenperspektiven analytisch auseinanderhalten und Identitätsthematisierun- gen der Innenperspektive auf ihre Funktion oder Bedeutung für die Person oder Gruppe hin analysieren. 2 Der Begriff Identität machte sich ursprünglich an der individuellen Identität fest: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wo komme ich her? Identitätsbildung ist dabei aus einer wissenschaftlichen Metaperspektive vor allem ein reflexiver Prozess der Selbstthematisierung. 3 Das Gefühl von Kohärenz und Kontinuität sind wichtige Faktoren für eine stabile Identität. Identitätsprobleme hängen dabei oft mit Orientierungs- und Anpassungsproblemen zusammen. Gerade der letzte Punkt ist auch für die Vorstellung kollektiver Identitätsbildung rele- vant. Begrifflich wird das Konzept individueller Identität auf die Identität von Gruppen übertragen, wie z. B. religiöse oder ethnische Gruppen. 4 Kollektive Identität, wie die der Siebenbürger Sachsen, lässt sich mit Begrif- fen wie Repräsentation und Konstruktion von Identität beschreiben. Es geht eher um Bilder von Identität, denen man sich zuordnet, und nicht um eine etwaige „echte Identität“. Kollektive Identitätsbilder oder Identitätsbilder von Gruppen sind – wie die individuellen – konstruiert und stets Teil eines Diskur- ses. Während individuelle Identitätsvorstellung jedoch am konkreten Körper der entsprechenden Person festgemacht werden kann, geht es bei kollektiven Identitäten eher um Zugehörigkeit. Dies scheint ein fundamentaler Aspekt in der Identitätsbildung von Gruppen zu sein. 5 Dabei spielt die Unterscheidung zwischen einer Eigengruppe („wir“) und einer Fremdgruppe („die anderen“) eine wichtige Rolle. Abgrenzungen von anderen Gruppen und die Betonung von Unterschieden zu diesen Fremdgruppen auf der einen Seite und die Ho- mogenisierung nach innen auf der anderen Seite sind wesentliche Aspekte in der Identitätsbildung. Gerade im national oder ethnisch begründeten Kontext kann dies aggressive Abgrenzungen und Auseinandersetzungen hervorrufen. Ethnische Identitätsbildung, die für die Siebenbürger Sachsen relevant ist, ba- siert auf dem Gemeinschaftsgefühl: dieselbe Geschichte und Kultur, dieselbe Sprache, Religion, Erinnerung und aktuelle Erfahrung zu haben. Daran zeigt sich der kreative, reflektierende Aspekt der Identitätskonstruktionen. Sie sind nicht einfach da, sondern werden – oft erst im Nachhinein – mit Sinn und Be- deutung gefüllt. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konvergieren in der Identitätsbildung einer Gruppe zu der jeweiligen Jetzt-Zeit und werden homo- genisiert oder in einen aus der Innenperspektive logischen Kontext gebracht. So erscheint die Vergangenheit also nicht mehr als zufällig, sondern als das, was als eine Art „Heilsgeschichte“ genau zu dem Punkt geführt hat, an dem Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten