Katholische Kirche in der DDR I - 14.2.2.2
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 51. EL 2017 1
OLZOG Verlag â Handbuch der Religionen â Frau Voit
Stand: 13.03.2017ââ2. AKââSeite 1
I - 14.2.2.2 Katholische Kirche in der DDR
Von Josef Pilvousek
Wie sich katholische Kirche und Christen in einem politischen System ver-
hielten, das als totalitÀr oder autoritÀr bezeichnet wird
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, und in dem jede Form
von Religion auf dem âMĂŒllhaufen der Geschichteâ enden sollte, wird u.â a.
Gegenstand der Darstellung sein.
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Waren es nur Elemente des Ăberlebens von
Kirche, die sich allmÀhlich herausbildeten und in einem Getto ihr Dasein fris-
teten oder hatte diese kleine Katholische Kirche in der DDR einen Modus
gefunden, Kirche zu sein? FĂŒr eine solche Darstellung bieten sich zunĂ€chst
kritische RĂŒckblicke der in dieser Zeit agierenden Bischöfe auf die historisch
abgeschlossene Epoche an.
Der letzte Vorsitzende der Berliner Bischofskonferenz, der spÀtere Kardinal Ge-
org Sterzinsky (1936â2011), erklĂ€rte wenige Monate nach dem Fall der Mauer:
âSie [die katholische Kirche] hat sich selbst sehr geschĂŒtzt, wenn auch
begrenzt auf die zwei Bereiche, Kult und Katechese [...] Wir werden noch
viel ĂŒberlegen mĂŒssen, worin eigentlich unser Versagen auf katholischer
Seite bestanden hat. Die Erkenntnis ist noch nicht gereift. Das Bekenntnis
ist noch nicht ausgesprochen.ââ
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In seinem Hirtenbrief zur österlichen BuĂzeit 1990 formulierte der Erfurter
Bischof Dr. Joachim Wanke:
âJa, auch wir (katholische) Christen haben BuĂe nötig. Jeder von uns wird
bedenken mĂŒssen, wo er â mit oder gegen seinen Willen â in die allgemeine
Unwahrhaftigkeit dieses Landes mitverstrickt war. Ich frage mich, ob ich
als Bischof nicht noch deutlicher Unrecht und LĂŒge hĂ€tte beim Namen
nennen mĂŒssen. Hatten wir vielleicht zu wenig Mut, besonders in den letz-
ten Jahren, uns in die Gesellschaft einzumischen, um sie zu verÀndern?
Haben wir Gott zu wenig zugetraut und uns zu sehr um uns selbst gesorgt?
Mancher von uns wird sagen mĂŒssen: Ich habe den Weg des geringsten
Widerstandes gewĂ€hlt. Ja, wir haben BuĂe und Umkehr nötig und mĂŒssen
Gott um Vergebung bitten, dass unser Glaube nicht mutiger und unser
Zeugnis nicht eindeutiger war.ââ
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Kardinal Joachim Meisner resĂŒmierte im RĂŒckblick, dass zu den âwenigen
substanziellen TĂ€uschungenâ seines Lebens die Ăberzeugung gehörte, er werde
den âUntergang des Kommunismusâ nicht mehr erleben.
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Die exemplarischen Aussagen lassen erkennen, welche VersÀumnisse und Defi-
zite man rĂŒckblickend ausmachte: Selbstbewahrung (Selbstschutz der Kirche),
zu groĂe ZurĂŒckhaltung, Verstrickung, Mutlosigkeit und Versagen der Kirche
sowie (Selbst-)TĂ€uschung der AmtstrĂ€ger. Gerade im Hinblick auf die âWendeâ
wird diese âMutlosigkeitâ im Vergleich mit den evangelischen Schwesterkir-
chen thematisiert; ausdrĂŒcklich dankte Sterzinsky
âden evangelischen Christen und Gemeinden fĂŒr ihren Mut und Einsatz
bei den Ereignissen des vergangenen Herbstesâ
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.
Neuere Forschungen bestÀtigen zwar diese Aussagen grundsÀtzlich, zeigen aber
auch, dass die Rolle der katholischen Kirche bei der friedlichen Revolution
keineswegs so gering war, dass sie vernachlĂ€ssigt werden sollte. Vor allem da, wo eine Ăkumene in politicis praktiziert wurde, ist kein Unterschied zwischen evangelischen und katholischen Akteuren auszumachen.
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Die dem Thema inhÀrente Frage, ob die katholische Kirche den richtigen Weg beim Umgang mit dem Staat beschritten hatte, ist nicht monokausal zu beant-
worten. Immer wieder ist aus dem Inhalt innerkirchlicher Quellen zu schlussfol-
gern, dass der Weg der Kirche einer Gratwanderung zwischen Anpassung und
Verweigerung glich. Deutlich tritt dies in der âStellungnahme der ostdeutschen
Bischöfe zur Stasi-Aufarbeitung, âFehlverhalten hat Schaden angerichtet und
Misstrauen gesĂ€tâ
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, zutage. Hinsichtlich eines Konformismus wurde formuliert:
âEs gab Priester und Laien, die auf GesprĂ€chsangebote eingingen, aus
unterschiedlicher Motivation heraus einen Weg der AnnÀherung suchten, begrenzte ZugestÀndnisse machten oder sogar aktiv mit dem MfS zusam-
menarbeiteten. Es ist deutlich geworden, dass es auch in unserer Kirche menschliches Versagen und Schuld im Umgang mit der SED-Diktatur ge-
geben hat.â
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Das grundsÀtzlich resistente Verhalten der katholischen Kirche wird dagegen so dargestellt:
âDas entschiedene âNeinâ der Kirche zum Marxismus/Leninismus, der die geistige Grundlage des von der SED gefĂŒhrten und kontrollierten Staates war, stand bis zum Ende der DDR nie auĂer Frage und hat das VerhĂ€ltnis Staat â katholische Kirche bestimmt.â
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Folgende untersuchende Darbietung wird die unterschiedlichen Phasen kirch-
lichen Handelns gegenĂŒber dem Staat, ihre Voraussetzungen und Motive sowie
widerstĂ€ndiges oder konformes Verhalten an Fallbeispielen zu beschreiben su- chen. Dennoch wird es, zwanzig Jahre nach dem gesellschaftlichen und politi-Westarp Science â Fachverlage
âïž Ende der Leseprobe âïž
Der vollstÀndige Artikel umfasst 44 Seiten
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