Jürgen Habermas über Religion I - 14.1.3
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 66. EL 2020 1
Zusammenfassung
In Anlehnung an Durkheims Religionstheorie entwickelt Habermas in seinem
Bezug auf das Religiöse in der Theorie des kommunikativen Handelns die
Hypothese einer Versprachlichung des Sakralen, nach der die Adhärenz zu
sozialen Normen sich vom zunächst noch rituell eingeübten Tabu in archai-
schen Gesellschaften im Zuge von Rationalisierungsprozessen zum Ergebnis
verständigungsorientierter Kommunikation wandelt. Dabei agieren Religio-
nen als ein Interpret der Versprachlichung des Sakralen, was exemplarisch an
der Begriffsgeschichte des Menschenwürdekonzepts nachvollzogen werden
kann. Markierte Würde vormalig noch den höherwertigen Status einer Per-
son, war es Leistung des Judentums Würde an alle Menschen qua ihrer Got-
tesebenbildlichkeit zuzuteilen. Insbesondere angesichts medizintechnischer
Erfindungen, durch die die personale Würde zur Disposition gestellt werde,
ergebe sich ein auf für postsäkulare Gesellschaften normativ begründetes In-
teresse an den epistemischen Ressourcen religiöser Rede. Dementsprechend
biete es sich im weltanschaulich neutralen Staat an, religiöse Überzeugungen
im demokratischen Willensbildungsprozess nicht zu exkludieren, sondern in
einem deliberativen Prozess aufzuheben, um ihre normativen Inspirationen
zu retten.
Schlagwörter
Habermas, Durkheim, Heilige, Menschenwürde, Bioethik, Politik, Demo-
kratie, Übersetzung, Norm, Öffentlichkeit, Philosophie, Politische Theorie
I - 14.1.3 Jürgen Habermas über Religion
[Jürgen Habermas on Religion]
Von Michael Roseneck
Submitted June 13, 2020, and accepted for publication August 28, 2020
Editor: Martin Leiner
Summary
Following Durkheim’s theory of religion, Habermas develops the hypothesis
of a Linguization of the Sacred in his reference to the religious in the Theory
of Communicative Action, according to which adherence to social norms
changes from a ritually celebrated taboo in archaic societies to the result of
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I - 14.1.3 Jürgen Habermas über Religion
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Westarp Science – Fachverlage
1 Die Versprachlichung des Sakralen
1.1 Entwicklung der Hypothese in Anlehnung an Durkheim
Jürgen Habermas‘ frühe sozialtheoretische Ausführungen zur Religion kulmi-
nieren in der Hypothese einer „Versprachlichung des Sakralen“
1
(VS) im Zuge
gesellschaftlicher Rationalisierungsprozesse, womit das Phänomen bezeichnet
werden soll, dass die Verbindlichkeit sozialer Normen, welche vormals durch
rituell-sakrale Überbauung stabilisiert wurde, sukzessive auf deliberative Pro-
zesse übergehe.
Damit setzt Habermas an Annahmen Émile Durkheims über die Ursache der
„moralischen[n] Autorität gesellschaftlicher Normen“
2
an, welche sich durch
ihren sakralen Charakter erklären lasse.
3
Gesellschaftliche Normen genössen
deshalb Autorität, weil sie Subjekte und Objekte schützen, die als quasiheilig
und dementsprechend als unantastbar interpretiert werden. Durkheim, so Ha-
bermas, komme zu dieser Annahme über die Sakralisierung als Prozess der
Autorisierung gesellschaftlicher Normen, indem er die Gelingensbedingungen
instrumentellen und moralisch-ethischen Handelns differenziert.
4
So sei es
bei instrumentellen Handlungen, beispielsweise zweckmäßigen Eingriffen in
die natürliche Umwelt, der Fall, dass die Gelingensbedingungen formal endo-
gen in der Handlung selbst liegen. Wenn eine Person beabsichtigt, durch eine
Handlung einen Zweck in der äußeren Welt zu verwirklichen, so entscheide
consensus-oriented communication in the course of rationalization processes.
Religions act as an interpreter of the Linguization of the Sacred, which can be understood exemplarily in the history of the concept of human dignity.
While dignity previously marked the higher status of a person, it was the
achievement of Judaism to assign dignity to all human beings qua their image
of God. Particularly in view of medical-technical inventions which put perso-
nal dignity at risk, an interest in the epistemic resources of religious speech for postsecular societies arises. Accordingly, in an ideologically neutral sta- te, it makes sense not to exclude religious convictions from the democratic decision-making process, but to dialectically build on them in a deliberative process in order to save their normative inspirations.
Keywords
Habermas, Durkheim, sacred, human dignity, bioethics, politics, democracy,
translation, norm, public sphere, philosophy, political theory
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Der vollständige Artikel umfasst 19 Seiten
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