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Fundamentalismus

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Fundamentalismus I- 10 I - 10 Fundamentalismus Von Erich Geldbach Allgemeines Das Wort Fundamentalismus hat in den Medien und in der Wissenschaft in bezug auf so unterschiedliche Felder wie Politik und Religion einen geradezu inflationären Gebrauch erlebt. In den „Buchreligionen“ Judentum, Christentum und Islam diagnostizierte man Fundamentalismen, ja selbst unter Hindus und Sikhs in Indien oder auch im Buddhismus werden fundamentalistische Strömungen beobachtet und geschildert. Daneben hat die islamische Revolution im Iran unter Khomeini das Wort in der internationalen Politiksprache beliebt gemacht, wobei hier die Mischung von Politik und Religion kennzeichnend ist. In Deutschland war es lange Zeit üblich, in der Partei der Grünen zwischen den so genannten „Realos“ und den „Fundis“ zu unterscheiden, bis letztere an den Rand gedrängt oder aus der Partei ausgeschieden wurden. Daß man inner­ halb des Christentums einen protestantischen Fundamentalismus diagnostiziert hatte, entsprach einer längeren Geschichte, doch ist relativ neu, daß einige Autoren auch von einem Fundamentalismus in der römisch-katholischen Kirche sprechen. Vor allem in den Medien ist zu beobachten, daß der Islam insgesamt mit dem Fundamentalismus identifiziert wird, obgleich man heute öfters das Wort „Islamismus“ für den islamischen Fundamentalismus gebraucht findet. Dennoch erscheint häufig genug der Islam insgesamt als fundamentalistisch. Dieser Befund wirft zumindest die Frage auf, ob es sinnvoll ist und einen Erkenntnisgewinn verspricht, wenn ein Wort auf so viele unterschiedliche Felder bezogen wird. Man wird selbst nach einem so groben Überblick sagen müssen, daß eher das Gegenteil der Fall sein dürfte, weil derart verschieden­ artige Phänomene sich nicht mit einem Begriff erklären lassen. Dazu kommen noch einige andere Beobachtungen: Das Wort Fundamentalis­ mus ist in aller Regel ein Aufkleber, der einer Gruppe von Außenstehenden angehängt wird. In den seltensten Fällen entspricht das Wort dem Selbstver­ ständnis der so bezeichneten Gruppe, Bewegung oder Religion und wird daher auch nicht als Selbstbezeichnung verwandt. Dazu trägt auch der Umstand bei, daß das Wort Fundamentalismus nicht wertneutral ist, sondern ein Werturteil enthält. Es ist ein negativ besetzter Begriff, der Engstirnigkeit, Intoleranz, Unaufgeklärtheit, einen nach rückwärts gerichteten Obskurantismus sowie Fanatismus signalisiert. Fundamentalismus ist, wie ein Buchtitel von Thomas Meyer verrät, „Aufstand gegen die Moderne“. Gegen die religiöse und po­ litische sowie die polit-religiöse Flut der fundamentalistischen Anti-Moderne müssen Dämme aufgerichtet werden. In der Wissenschaftsgeschichte ist dies Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 8. EL 2004 --- Seite 1 Ende --- I- 10 Fundamentalismus der seltene Fall, daß die „objektive“ Wissenschaft den Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigt, aus der Welt schaffen will, wie Fritz Stolze einmal bemerkte. Fundamentalismus muß bekämpft werden, und das Ziel dieses Kampfes kann nur lauten, ihn durch Aufklärung gänzlich zu überwinden. Ein überzeugter Fundamentalist muß sich daher in der modernen Welt als nicht erwünscht betrachten. Die Gesellschaft, die so stolz auf ihren religiösen und politischen Pluralismus ist, bietet dem Fundamentalismus keinen Ort. Nun gibt es aber doch den Fall, daß es jenseits dieser Einsichten Menschen gibt, die sich selbst als Fundamentalisten bezeichnen. Deren Zahl nimmt zwar aus den oben genannten Gründen ab, weil es niemand gern auf sich nimmt, als „unmodern“ gelten zu wollen, aber weil man sich auf die „Fundamentalien“ des christlichen Glaubens beruft, erscheint das Wort Fundamentalismus ange­ messen. Man wird daher auch in der Vermutung nicht fehl gehen, daß die soeben genannten negativen Begriffsassoziationen in diesem Fall nicht zutreffen können. Wenn man eine Begriffserklärung für „Fundamentalismus“ sucht, wird man sich daher im Umfeld dieser Menschen umsehen. Wer sind sie, die sich selbst Fundamentalisten nennen? Es handelt sich um Anhänger einer Bewegung, die sich gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in den USA bildete und die meinte, das prote­ stantische Christentum mit den Erkenntnissen einer von ihnen als „modern“ eingestuften Wissenschaft gegen neu aufkommende Wissenschaften oder Wissenschaftszweige wie die historische Kritik, die Evolutionstheorie, die Soziologie und die Psychologie verteidigen zu können. Dies geschieht in Form einer Koalition aus Mitgliedern ganz unterschiedlicher protestantischer Denominationen. Man findet vor allem Presbyterianer und Baptisten, aber auch Methodisten und Anhänger der anglikanischen Kirche und anderer Denominationen. Das grundlegende Buch dazu hat George M. Marsden geschrieben (Fundamentalism and American Culture, Oxford University Press 1980). Der protestantische Fundamentalismus ist zunächst eine historische Bewegung, die unter bestimmten sozio-kulturellen, ökonomischen und demographischen sowie theologischen Bedingungen in den USA entstanden war, in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts so gut wie verschwand, um dann in den 70er Jahren einen rasanten Aufschwung zu nehmen. Nicht ganz geklärt ist in der Forschung die Frage, warum es zu diesem Neubeginn kam, doch wird man davon auszugehen haben, dass man die Beweggründe des Fundamentalismus in seiner Anfangszeit am besten studieren kann. Wenn man sich für die Gegenwart bei dem fleißigen Religionsstatistiker David Barratt (World Christian Encyclopedia, Nairobi 1982, S. 826 s.v. evangelicals 2 Westarp Science - Fachverlage
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