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Alltagskulturen der Konversion in Deutschland

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Alltagskulturen der Konversion in Deutschland I - 9.6 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 65. EL 2020 1 Zusammenfassung Religionen pflegen sehr unterschiedliche Praktiken des Umgangs mit Kon- versionen. Dies trifft für den Eintritt in eine religiöse Gemeinschaft und die dort gepflegten Aufnahmerituale genauso zu wie für den Austritt. Der Artikel führt aus, inwiefern Konversionen im Alltag als eine Form des komplexen sozialen und kulturellen Identitätsmanagements und Ausdruck religiöser Di- versifizierungsprozesse verstanden werden können. Es wird erläutert, war- um es wichtig ist, Konversionen und die damit verbundenen Praktiken des Bekennens als diskursive und kommunikative Prozesse zu verstehen und zu analysieren. Konversion ist ein Phänomen, das sich nicht nur durch eine hohe Pluralität der Motive auszeichnet: Beim Ein-, Aus- und Übertreten von einer beziehungsweise zu einer Religionsgemeinschaft entstehen komplexe inter- und transreligiöse Zwischenräume. Um diese erfassen zu können, ist eine erweiterte Definition von Konversion sinnvoll, worunter nicht nur der Wechsel von einer Religion zu einer anderen, sondern unter Umständen auch von der bisherigen Konfessionslosigkeit hin zur bewussten religiösen Anbin- dung gemeint sein kann. Schlagwörter Konversion, gelebte Religiosität, religiöse Alltagskultur, Agency, Trans- religiosität I - 9.6 A lltagskulturen der Konversion in Deutschland [Everyday Cultures of Conversion in Germany] Von Christine Bischoff Submitted March 6, 2020, and accepted for publication June 22, 2020 Editor: Mirko Uhlig Summary Religions have very different practices of dealing with conversions. This is just as true for the entry into a religious community and the admission rituals cultivated there as it is for the exit. The article explains to what extent con- versions in everyday life can be understood as a form of complex social and cultural identity management and an expression of religious diversification processes. It explains why it is important to understand and analyse conversi- --- Seite 1 Ende --- I - 9.6 Alltagskulturen der Konversion in Deutschland 2 Westarp Science – Fachverlage 1 Die Entstehung von inter- und transreligiösen Zwischenräumen bei Konversionen Trotz Fluidität und Bricolage religiöser Praktiken in den sogenannten „Multiple Modernities“ bergen Konversionen für Religionsgemeinschaften im Besonde- ren, aber auch für soziale Lebenswelten im Allgemeinen, häufig immer noch Irritations- und Störungspotenzial 1 : Das Gefüge religiöser Orientierung und sozialer Strukturen wird in Zweifel gezogen, Fragen von Macht und Bestand- serhalt berührt, da mit der Konversion das Glaubensgebäude, das verlassen wird, in Frage gestellt und der Anspruch auf Wahrheit jener Religion, zu der konvertiert wird, scheinbar Bestätigung erfährt. Zwar gelten Konversionen heute in Deutschland und im europäischen Kontext als freie Entscheidungen der Individuen 2 , verlaufen jedoch keineswegs konfliktfrei. Sie irritieren oft, da sie als lebensweltliche Übergänge, Einschnitte oder Wendepunkte eingebettet in soziokulturelle Zusammenhänge geschehen: Sie sind religiöse Marker, die aber immer auch stellvertretend für andere Komponenten stehen – seien diese politisch, ökonomisch, familial, geschlechtsspezifisch etc. Vor dem Hintergrund weltweiter Mobilitäts- und Migrationsprozesse ist der Verbleib in einer religiösen Tradition, in die jemand hineingeboren wurde, nicht immer selbstverständlich und die Formel „ein Mensch = eine Religion“ für viele zutreffend, für manche aber nicht. 3 Viele religiöse Gemeinschaften verzeichnen eine hohe Fluktuation, ein Kommen und Gehen und eine größere Unverbind- lichkeit statt starker Bindekraft ihrer Mitglieder. Zudem ist eine Anreicherung der individuellen Religiosität mit Elementen verschiedener religiöser Traditio- nen zu einer multiplen religiösen Identität möglich. 4 ons and the related practices of confession as discursive and communicative processes. Conversion is a phenomenon that is not only characterized by a high plurality of motives: complex inter- and transreligious spaces arise when entering, leaving and transgressing from or to a religious community. In order to be able to grasp these, an extended definition of conversion makes sense, which can mean not only the change from one religion to another but, under certain circumstances, also from the previous non-denominational to the conscious religious connection. Keywords Conversion, Lived Religiosity, Religious Everyday Life, Agency
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