I - 9.4

Sonntagskulturen – Zur spirituellen Qualität typischer Aktivitäten am Sonntag

📖 Leseprobe – 2 von 26 Seiten
Sonntagskulturen I - 9.4 Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 48. EL 2016 1 OLZOG Verlag – Handbuch der Religionen – Frau Voit Stand: 08.06.2016  2. AK  Seite 1 I - 9.4  Sonntagskulturen – Zur spirituellen Qualität typischer Aktivitäten am Sonntag Von Ulrich Riegel Dem Sonntag kommt als gesetzlich geschütztem Feiertag eine besondere Be- deutung zu. Weil das Gros der Menschen an diesem Tag nicht arbeiten muss, kann der Sonntag anders gestaltet werden als ein regulärer Wochentag. Gleich- zeitig stellt sein Charakter als Ruhetag bestimmte Anforderungen an diese Gestaltung, denn die einzelnen Sonntagsaktivitäten dürfen die öffentliche Ruhe nicht stören. Die individuelle Gestaltung des Sonntags wird im Folgenden als Sonntagskultur bezeichnet. Insofern damit zu rechnen ist, dass es in der ge- genwärtigen Gesellschaft unterschiedliche Weisen gibt, den Sonntag zu ver- bringen, wird in der Regel im Plural von Sonntagskulturen gesprochen. Die aus religionswissenschaftlicher Perspektive zentrale Frage ist, inwieweit heutigen Sonntagskulturen eine spirituelle Qualität zukommt. Dieser Frage geht der vor- liegende Beitrag nach, indem er knapp die Geschichte des Sonntags skizziert, den zeitgeschichtlichen Kontext der heutigen Sonntagsgestaltung aufarbeitet, das spirituelle Potenzial des Sonntags darstellt und die spirituelle Qualität in vorfindlichen Sonntagsaktivitäten und -kulturen beschreibt. Der Beitrag endet mit einem knappen Fazit und Ausblick auf zukünftige Forschungsfelder. Eine kurze Geschichte des Sonntags In christlicher Perspektive gilt der Sonntag als Tag des Herrn. In Anlehnung an den jüdischen Sabbat unterbricht man an diesem Tag den Arbeitsrhythmus der Woche, um zu ruhen und sich seiner Beziehung zu Gott zu vergewissern. Folgt man Dies Domini, einem Apostolischen Schreiben Johannes Pauls II., lassen sich mindestens fünf spirituelle Dimensionen dieses Tags ausmachen: Der Sonntag verweist auf Gottes Schöpfungswerk, die Auferstehung Christi, die Gabe des Geistes Gottes, die Gemeinschaft aller an Christus Glaubenden und den Frieden in Solidarität mit der gesamten Menschheit. Diese Perspektive etablierte sich in einem langen historischen Prozess als nor- mative Deutung des Sonntags. Die ersten Christen achteten den Sabbat 1 und begannen sich zusätzlich am Morgen des folgenden Tages – vor der Arbeit – zu versammeln, um im Gedenken an Jesus Christus Herrenmahl zu feiern. 2 Im christlichen Sprachgebrauch wurde von diesem Tag als „erstem“ oder auch als „achtem“ Tag gesprochen, weil mit Jesu Leben, Sterben und Auferstehen das --- Seite 1 Ende --- I - 9.4 Sonntagskulturen 2 Heil beginnt bzw. das Ende der Zeiten angebrochen ist. 3 Je stärker sich das Christentum vom Judentum löste und als eigenständiges religiöses Bekenntnis begriff, umso stärker ließ die Beachtung der Sabbat-Ruhe nach. Im 3. Jahr- hundert n. Chr. waren es nur noch wenige christliche Gemeinschaften, die sowohl den Sabbat als auch das Herrenmahl feierten. 4 Als Kaiser Konstantin 321 n. Chr. den „Tag der Sonne“ zu einem allgemeinen Ruhetag im Römischen Reich proklamierte, übertrugen die christlichen Gemeinden spirituelle Eck- punkte des jüdischen Sabbat auf den Tag des Herrenmahls, wie etwa den Schöp- fungsbezug. 5 Mit der gesellschaftlichen Durchsetzung des Christentums wurde auch seine Deutung des Sonntags zur allgemein verpflichtenden Perspektive auf diesen Tag. Im Mittelalter hatte der Sonntag ein ausgeprägtes christliches Pro- fil. 6 Es galt eine absolute Arbeitsruhe, welche nur für notwendige Tätigkeiten wie etwa Erntearbeiten unterbrochen werden durfte. Außerdem war es sozial geboten, an diesem Tag einen Gottesdienst zu besuchen. Es liegt auf der Hand, dass es zu allen Zeiten Menschen gab, die den Sonntag nicht so verbrachten, wie es die sozial gebotene christliche Deutung dieses Ta- ges vorgab. 7 Zu einer größeren Erosion dieser Perspektive kam es aber erst im Zusammenhang mit der Industrialisierung, als die Kirchen aufgrund des Zuzugs vieler Menschen in die Städte die soziale Kontrolle über viele Bevölkerungs- gruppen verloren und sich Arbeitszeiten an den Bedürfnissen der industriellen Produktion ausrichteten. 8 Insbesondere in den Arbeitervierteln der Städte war eine Gestaltung des Sonntags in christlichem Sinn kaum mehr gegeben. Zwar wurde im Gefolge der Sozialgesetzgebung am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts die allgemeine Arbeitsruhe am Sonntag wieder flächende- ckend eingeführt, zu einer Renaissance einer christlichen Perspektive auf den Sonntag kam es dabei jedoch kaum. 9 Heute wird der Sonntag vor allem im Rahmen der Familie verbracht, indem man Verwandte besucht, Spaziergänge macht, Sport treibt, Fern sieht oder sportliche bzw. kulturelle Veranstaltungen besucht. 10 Wichtig ist, dass es ein gemütlicher Tag wird, frei von Stress und so- zialen Zwängen. Einen Sonntagsgottesdienst besuchen vergleichsweise wenige Menschen, und die, die dies regelmäßig tun, tun es aus freien Stücken aufgrund ihres Glaubens. 11 „For most people Sunday is still highly regarded as an oasis of peace in a world of hustle and bustle. [...] Sunday remains a day set apart from the rest of the week for the majority, if no longer the whole of the population.“ 12Westarp Science – Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 26 Seiten