Religion und Werbung 1-8
1-8 Religion und Werbung
Von Andreas Mertin
„Die Werbung“, so schreibt schon 1997 der päpstliche Rat für die sozialen
Kommunikationsmittel in seiner Stellungnahme ,Ethik in der Werbung
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, „hat
in der heutigen Gesellschaft einen tiefgreifenden Einfluß darauf wie die
Menschen das Leben, die Welt und sich selbst verstehen, insbesondere in bezug
auf ihre Werte und die Art und Weise ihrer Entscheidungen und ihres Verhaltens.
Das sind Fragen, an welchen die Kirche zutiefst und aufrichtig interessiert ist
und sein muß. “ Und der Rat betont: „Genauso wie die Massenmedien selbst
überall einen enormen Einfluß ausüben, ebenso wohnt der Werbung, die die
Medien als Werkzeug benützt, eine mächtige, alles durchdringende Kraft inne,
die Einstellungen und Verhalten in der heutigen Welt zu prägen vermag. “
Ausgehend von dieser Einschätzung gilt es zu fragen, welche Bedeutung dem
Auftreten von Religion in der Werbung zukommen kann. Glaubt man Zeit
geistpropheten, dann ist Werbung ein aktuelles Artikulationsfeld religiöser Sinn
deutung. Ob dies wirklich zutrifft und warum Werbestrategen auf religiöses
Vokabular zu(rück)greifen, soll im folgenden Gegenstand der Erörterung sein.
Dabei ist im Blick auf das Verhältnis von Werbung und Religion von zwei
Thesen auszugehen: die erste betrifft das Interesse der Werbung an der Wieder
verzauberung der Welt und die zweite betrifft den sich nicht zuletzt darin
äußernden zeitdiagnostischen Charakter der Werbung.
Die erste These lautet: Die Werbung hat keinerlei Interesse an irgendeiner
Form aktueller Religion oder Theologie. Ihr ist ausschließlich an der
scheinbaren Wiederverzauberung der Welt gelegen, also an jener Form von
Religion, die mit dem 19. Jahrhundert überwunden schien. Wenn - wie manche
behaupten - Werbung zudem Erbe von Religion ist, dann beerbt sie die von
Feuerbach kritisierte Form der Religion (also nur Projektion des Menschen zu
sein) und ist daher heute einer analogen Kritik und Analyse zu unterziehen.
Die zweite These lautet: Gerade ihr Rekurs auf die Religion des 19. Jahrhunderts
zeigt, daß Werbung ein (zeitdiagnostisch zu nutzender) Indikator kultureller
Entwicklungen ist, daß sich in der Werbung die (religiösen) Sehnsüchte,
Wünsche und Selbstprojektionen der Menschen erkennen lassen. Diese Ver
mutung impliziert, daß Werbung nicht willkürlich agieren kann, daß ihre Durch
setzungskraft nur in Korrespondenz mit den Adressaten (den Konsumenten)
funktioniert und nicht beliebig manipuliert werden kann. Trends lassen sich
erkennen, aber nicht beliebig steuern. Um den Trend zu jener Form der Religion,
die die Welt als verzauberte wahrnehmen lassen soll, geht es in der Ausein
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 8. EL 2004 1
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andersetzung mit der Werbung in der Gegenwart. So gesehen, erkennt die
Religion in der aktuellen Gestalt der Werbung auch einen Teil ihrer eigenen
Geschichte kritisch wieder.
Im folgenden sollen vier Arten der Bezugnahme von Religion und Werbung
unterschieden werden: der grundsätzliche religiöse Charakter von Werbung,
die explizite Bezugnahme auf religiöse Motive, die religiöse Kritik der Werbung
und die Werbung der Religionen selbst.
Werbung als Religion
„Die Mehrzahl der wichtigen Werbespots [nimmt] ... die Gestalt eines
religiösen, auf einer kohärenten Theologie errichteten Gleichnisses an. Wie
alle religiösen Gleichnisse entfalten sie eine Vorstellung von Sünde, geben
Hinweise auf den Weg zur Erlösung und eröffnen einen Ausblick auf das
Himmelreich. “ Diese Einschätzung des Medienkritikers Neil Postman kann
als eine Art Commonsense der kulturkritischen wie kulturhermeneutischen
Beschäftigung mit Werbung angesehen werden. Werbung trägt demnach eine
(quasi)religiöse Grundierung in sich. Schon in den 70er Jahren des 20. Jahr
hunderts hat der Kunstwissenschaftler Bazon Brock anläßlich der documenta
5 auf die Verwandtschaft von Werbung und Ikonentheologie hingewiesen - in
beiden Fällen würden Bilder als Argumente für übergeordnete Tatbestände
benutzt: „Die Werbung für ein Waschmittel benutzt Bilder als Beweisstücke
für die reale Existenz, und Wirkungsweise eines abgebildeten Waschmittels.
Die Werbephotographie will in diesem Eall den Wirklichkeitsbeweis durch zwei
nebeneinander gestellte Bilder antreten. Das Bild suggeriert, daß es ein weiß
waschendes Waschmittel geben muß, wenn man beim Vergleich zweier Bilder
fest stellt, daß das Weiß auf dem einen heller ist als auf dem anderen/
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Und
Brock folgert: „Im heutigen Bilderstreit geht es nicht mehr um den
Gottesbeweis, sondern um den Weltbeweis, den Dato- und Omobeweis... anstatt
um Wirklichkeit von Gott und Heiligen als Abgebildeten und Ikone als Abbildung
wird um die Wirklichkeit von Erischwärts und Neuweiß gekämpft. “
Ein Sonderfall der Werbung als Religion waren lange Zeit die Kommuni
kationskampagnen der Firma Benetton, weil sie die vertrauten Spielregeln von
Werbung ostentativ unterliefen und Werbung als gesellschaftsverändernde
weltweite Kommunikation begriffen. Oliviero Toscani, der frühere Werbechef
von Benetton, hat sich dabei voller Ernst und ganz ohne Ironie explizit auf das
Christentum und Jesus Christus als erfolgreichste und vorbildliche Kommuni
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Der vollständige Artikel umfasst 6 Seiten
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