Neue Religionen in den neuen Bundesländern 1-5.4
I - 5.4 Neue Religionen in den neuen Bundesländern
Von Frank Usarski
/. Die Situation in der DDR
In der DDR gab es neben der nicht allzu großen evangelischen und quantitativ
wenig bedeutenden katholischen Kirche etwa zwei Dutzend sehr kleine religiö
se Sondergemeinschaften. Zu diesen zählten Organisationen wie das Apostel
amt Juda, der reformiert-apostolische Gemeindebund oder die Kirche Jesu Christi
der Heiligen der Letzten Tage
1
. Noch bedeutungsloser als Vereinigungen der
letztgenannten Art nehmen sich vor dem Mauerfall Aktivitäten von Gruppen
aus, die von der Öffentlichkeit in der „alten Bundesrepublik“ meist als „Jugend
religionen“ oder „Jugendsekten“ bezeichnet wurden. Berichtet wird, daß es bis
zum Mauerfall ein paar wenige Bhagwan-Anhänger in Dresden, Thüringen und
Ostberlin
2
, eine Handvoll Schüler von Babaji und Sai Baba
3
, ISKCON-Zirkel
in Berlin-Köpenick, Leipzig, Dresden und Chemnitz
4
, ca. ein Dutzend Absol
venten heimlicher TM-Kurse in Kleinmachnow
5
, außerdem einen „dünnen“
Zweig der Vereinigungskirche
6
sowie einen „einsamen“ DDR-Bürger gegeben
hat, der in der internen Statistik der Scientologen als Teilnehmer eines Dianetik-
Femkurses zu Buche schlug
7
. Aufgrund ihrer geringen numerischen Ausprä
gung vor Ort und mit einem Seitenblick auf zahlenmäßig angeblich dramatische
Entwicklungen in der BRD wurde in der DDR offiziell die Meinung vertreten,
es handele sich bei solchen „Kulten“ um ein typisches Problem des kapitalisti
schen Westens
8
bzw. um „Fäulnisprodukte des Imperialismus.“
9
2. Die These von einer „flächendeckenden Sekten-Invasion“
Nach 1989 verfestigte sich in wenigen Monaten die These von einer vom We
sten her nach Ostdeutschland vordringenden und sich dort rasch ausdifferen
zierenden „alternativ-spirituellen Szene“. Eine solche Imagebildung war nur
zum Teil in der ungewohnten Begegnung der ostdeutschen Bevölkerung mit
direkt vor Ort auftretenden neu-religiösen Gruppen begründet. Entscheidender
für die verbreitete Vorstellung einer massiven Präsenz entsprechender Bewe
gungen war vielmehr eine öffentliche Berichterstattung, die im Rückgriff auf
militärische Begriffe von einfallenden neu-religiösen „Truppen“
10
und einer
„flächendeckenden,Sekten-Invasion“
11
sprach und dabei spektakuläre Hand
lungen einzelner Gemeinschaften zum Regelfall stilisierte.
Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1
--- Seite 1 Ende ---
1-5.4 Neue Religionen in den neuen Bundesländern
3. Die faktische Präsenz neuer religiöser Bewegungen in Ostdeutschland
Beschränkt man sich in seinem Urteil auf tatsächlich verfügbare Daten, ergibt
sich ein anderes Bild. Wie den nachfolgenden Unterabschnitten zu entnehmen
ist, gilt dieses mit Blick auf alle drei analytisch zu unterscheidenden Ebenen
einer Präsenz alternativ-spiritueller Organisationen in Ostdeutschland.
3.1 Präsenzebene 1: Werbungsmaßnahmen
Verschiedene alternativ-religiöse Gruppen wurden schon unmittelbar nach der
Maueröffnung zunächst an der Grenze, später in fast allen größeren ostdeut
schen Städten vor allem den Universitätsstandorten
12
werbend aktiv. In entspre
chenden Stellungnahmen ist diesbezüglich u.a. von Ost-Berlin, Potsdam, Dres
den, Leipzig, Chemnitz, Zwickau, Erfurt, Suhl, Jena, Ilmenau, Schwerin, Rostock,
Warnemünde, Neubrandenburg, Stralsund, Wismar, Halle oder Dessau die Rede.
Demgegenüber wurde aus kleineren Städten zum Teil ausdrückliche „Entwar
nung“ gegben
13
. Auch in ausgesprochen ländlichen Regionen kamen neu-reli
giöse Werbungsmaßnahmen nicht vor
14
.
In ihrer Konzentration auf die Städte machten die Vertreter betreffender Grup
pen vor allem auf gut besuchten Plätzen wie dem „Alex“, dem Erfurter Anger,
dem Leipziger Wochenmarkt oder in gut frequentierten Straßen und Einkaufs
passagen auf sich aufmerksam. Teilweise wurden auch Esoterik-Messen zur
Präsentation genutzt
15
. Die Sri Chinmoy-Bewegung erregte gar mit sogenann
ten Weltfriedens-Marathons öffentliche Resonanz. Andere Gemeinschaften be
ließen es bei Plakaten und Zeitungsanzeigen.
Sofern gesonderte Info-Veranstaltungen anberaumt wurden, gelang es den Grup
pen in den ersten Monaten nach der Wende häufig Räumlichkeiten in anerkann
ten oder „gewohnten“ Einrichtungen mit - bildlich gesprochen - niedriger
„Schwelle“ zu buchen. Vorträge, Vortragssequenzen oder zusammenhängende
Kurse fanden in Volkshochschulen, Museen, Kulturzentren und Klubhäusern
statt. Von der Sri Chinmoy-Bewegung, der TM-Gesellschaft und der ISKCON
wurden darüber hinaus auch Musikkonzerte organisiert, die in den Pausen oder
nach der eigentlichen Veranstaltung für einführende Erklärungen über die Ziele
und Angebote der betreffenden Gruppe genutzt wurden.
Begleitend oder unabhängig davon gab es die langfristig und inhaltlich breiter
angelegte Öffentlichkeitsarbeit im Sinne der Grundlageninformation bzw. der
Aufbesserung eines beschädigten Gruppenimages. Letzteres gilt insbesondere
für die Scientology-Organisation, die an ostdeutsche Landtagsabgeordnete die
Zeitung „Freiheit“ verschickte, örtlichen Bibliotheken Bücherspenden und staat
lichen Behörden Broschüren über das Drogenrehabilitationsprogramm Narconon
2 Westarp Science - Fachverlage
✂️ Ende der Leseprobe ✂️
Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten
Der vollständige Artikel umfasst 15 Seiten