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Das religiöse Phänomen Synkretismus – empirische Befunde und Zugänge in Theologie und Religionswissenschaft

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Das Religiöse Phänomen Synkretismus 1-5.3 I - 5.3 Das religiöse Phänomen Synkretismus - empirische Befunde und Zugänge in Theologie und Religionswissenschaft Von Renate Pitzer-Reyl 1. Einführung Der Begriff Synkretismus ist problematisch, weil er im wissenschaftlichen wie im umgangssprachlichen Gebrauch auf eine Vielfalt von Phänomenen und in ganz unterschiedlicher Bedeutung angewandt wird. Deswegen kann dieser Arti­ kel auch nicht mit einer eindeutigen Definition beginnen. Es läßt sich jedoch ein gemeinsamer Nenner aller Verwendungsweisen herauskristallisieren: Synkretis­ mus wird im weitesten Sinne verstanden als eine Vermischung oder Verbindung von kulturellen, religiösen oder weltanschaulichen Vorstellungen und Praktiken unterschiedlicher Herkunft. Dieses Grundkonzept liegt allen Verwendungen zugrunde; es verhindert je­ doch nicht, daß in der Literatur eine verwirrende Vielfalt von Begriffsan­ wendungen und semantischen Schattierungen erscheint. Eine wesentliche Di­ vergenz besteht darin, daß der Terminus sowohl historische Entwicklungen als auch deren Ergebnisse charakterisieren soll. Er wird einerseits verwandt, um Austauschprozesse zwischen verschiedenen Religionen zu beschreiben, andererseits dient er der Charakterisierung bestimmter Gruppen: So ist die Rede von „synkretistischen Neureligionen“ oder sogar von „synkretistischen Gurus“. Ein weiteres Problem neben der Uneinheitlichkeit im Sprachgebrauch sind die Wertungen, die mit dem Begriff verbunden sind. Das Wort erscheint in neutra­ ler, positiver und negativer Bedeutung, wobei letztere in der Begriffsgeschichte dominiert. Der abwertende Gebrauch wird offensichtlich, wenn Synkretismus durch Attribute wie „verderblich“, „zersetzend“ oder „hoffnungslos“ ergänzt wird. Stark pejorativ wirken auch Synonyme wie „Gemisch“, „synkretistisches Gebilde“ oder gar „Religionsmengerei“. In das negative Konnotationsfeld ge­ hört auch der teilweise parallel gebrauchte Terminus Eklektizismus. Dieses Wort ist grundsätzlich negativ gemeint, es enthält den Vorwurf der willkürlichen und rein subjektiven Auswahl religiöser Elemente. Zum Synkretismusbegriff gibt es eine Reihe von Synonymen wissenschaftlicher und umgangssprachlicher Herkunft, die die terminologischen Ungenauigkeiten noch verstärken. Negative Varianten wurden schon genannt. In neutral-deskrip­ tiver Bedeutung erscheinen u.a. Synthese, Vereinigung, Verbindung, Verknüp­ fung, Verschmelzung, Identifikation, Symbiose. Synkretismus ist also sowohl vom semantischen Feld als auch von den im­ plizierten Konnotationen her ein ausgesprochen schillernder Begriff. Es kann nicht Aufgabe des Artikels sein, diese „babylonische Sprachverwirrung“ (Ber­ Klöcker/Tworuschka: Handbuch der Religionen 4. EL 2000 1 --- Seite 1 Ende --- 1-5.3 Das Religiöse Phänomen Synkretismus ner 1982, S. 52) endgültig aufzulösen; es sollen jedoch die wichtigsten Verwen­ dungsweisen in ihren jeweiligen Kontexten dargestellt werden. Damit die Be­ griffsdiskussion in der religiösen Wirklichkeit verankert ist, soll sie auf der Ba­ sis einer Bestandsaufnahme der empirischen Phänomene stattfmden. Prinzipiell ist zu trennen zwischen theologischen und religionswissenschaftlichen Dar­ stellungen, denn es handelt sich um zwei Disziplinen mit unterschiedlicher Auf­ gabenstellung. Den Abschluß bilden Reflexionen über die Tragweite und Lei­ stungsfähigkeit des Begriffs für die Religionswissenschaft. 2. Etymologie Der Begriff geht zurück auf den griechischen Philosophen Plutarch (um 45-127). Er prägte das Wort „synkretismos“ für das Verhalten der Kreter, die sich, obwohl untereinander heillos zerstritten, im Falle eines Angriffs von außen zu einer Ein­ heit zusammenschlossen. Im 16. Jahrhundert wurde der Begriff durch den humanistischen Philosophen Erasmus von Rotterdam wieder aufgegriffen und in der Bedeutung des Zu­ sammenstehens zur gemeinsamen Verteidigung verwendet. Im Laufe der neu­ zeitlichen Geistesgeschichte veränderte sich das semantische Feld des Wortes in Richtung auf die Bedeutung „Verbindung heterogener Elemente“, wobei auch schon früh pejorative Konnotationen im Sinne einer unzulässigen Vereinigung auftauchten. Ende des 19. Jahrhunderts erscheint Synkretismus als religionswissenschaftlicher Fachbegriff für die Prozesse der Vermischung unterschiedlichen religiösen Tradi­ tionsguts in der hellenistischen Spätantike. Seitdem ist das Wort zu einem Termi­ nus technicus in Religionswissenschaft und Theologie geworden. 3. Der Begriff in der Theologie 3.1 Phänomenbereiche und Problemfelder Das Christentum hat sich durch seine gesamte Geschichte hindurch in Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen Religionen entwickelt. Unter Theologen herrscht heute Konsens darüber, daß das Christentum eine Religion ist, die ihre Gestalt auch mit Hilfe von Impulsen aus synkretistischen Prozessen ausgeformt hat. Diese Austauschprozesse vollzogen sich in einem Mit- und Nebeneinander aus Entlehnung und Abgrenzung. Schon im Urchristentum dienten Motive und Denkstrukturen aus den Myste- rienreligionen und der Gnosis der Ausprägung des Kultus und der Entwicklung einer theologischen Sprache. Die Geschichte der Alten Kirche ist geprägt von 2 Westarp Science - Fachverlage
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