Steinfeld, Hieb- und stichfest? Insekten als Akteure christlicher Ethik

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Hieb- und stichfest? XIII - 16.4 Klöcker/Tworuschka/Rötting: Handbuch der Religionen | 88. EL 2026 1 ZusammenfassungZusammenfassung Tierethische Entwürfe richten ihren Fokus zumeist auf Wirbeltiere; Wirbel- lose wie Insekten finden dagegen meist nur am Rand Erwähnung. Mitten im sechsten großen Artensterben erscheint eine ethische Reflexion der ar- tenreichsten aller Tierklassen jedoch angezeigt. Im Durchgang durch drei exemplarische Fallvignetten (Bewusstsein, Insektenprozesse, Gene Drives) zeigt der Beitrag, dass und wie Insekten vom Mittelalter bis in die Neuzeit theologisch Aufmerksamkeit auf sich zogen und wie sich die Wahrnehmung von Insekten in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Im Blick auf die Ethik eröffnen die Fallstudien einerseits einen Sinn für Insekten als mögliche Ak - teure mit einer Art Bewusstsein und Perspektive, machen andererseits aber auch das Dilemma sichtbar, dass Menschen Insekten nicht nur unvermeid- lich töten, sondern auch in der Lage sind, Arten intentional auszurotten, beispielsweise im Kampf gegen Malaria. Schlagwörter Insekten; Ethik; Gene Drive; Tragik; Ethisches Dilemma; Tierprozesse XIII - 16.4 Hieb- und stichfest? Insekten als Akteure christlicher Ethik [Sting of Conscience? Insects as Agents in Christian Ethics] Michel Steinfeld Submitted August 13, 2025, and accepted for publication March 03, 2026 Editor: Maike Maria Domsel SummarySummary Frameworks in animal ethics tend to focus primarily on vertebrates, while invertebrates – especially insects – are largely relegated to the margins. In the midst of the sixth mass extinction, however, ethical reflection on the most species-rich class of animals seems expedient. Through three exemplary case studies (consciousness, insect trials, gene drives), this article explores how insects have drawn theological attention from the middle ages to the modern period and how their significance has shifted in recent decades. The case --- Seite 1 Ende --- XIII - 16.4 Hieb- und stichfest? 2© Westarp Science Fachverlag 1 E „Tierethik“ operiert per definitionem mit Grenzziehungen. Von „Tierethik“ zu sprechen heißt, von einer Ethik zu sprechen, deren Gegenstand nicht Men- schen, sondern Tiere sind. Nun sind Menschen Tiere. Das Wort „Tierethik“ setzt voraus, Menschen nicht unter die Tiere zu zählen, und schließt dabei an einen gängigen Sprachgebrauch an, der von einer Dualität von Mensch und Tier bzw. Kultur und Natur ausgeht. Diese Dualisierungen wurden in den letzten Jahrzehnten vielfach infrage gestellt, sie persistieren jedoch im Sprach- gebrauch – und nicht nur dort. Jede Unterscheidung zieht Grenzen. Wenn über eine „Kultur“ unter Pavianen, Walen oder Bienen diskutiert wird, wird die Mensch-Tier-Abgrenzung durchlässiger. Wo auf der einen Seite Grenzen porös werden, kommt es anderswo zu neuen Grenzen, beispielsweise zwischen Tie- ren mit und ohne Kulturformen oder zwischen Tieren mit und ohne (Selbst ­)Be- wusstsein. Was geschieht aber, wenn all diese Grenzziehungen auf Prämissen beruhen, die dem Prinzip „Eigenschaft x ist bisher nicht feststellbar“ folgen, während der Kreis der x-Träger Jahr für Jahr erweitert wird? Eine Insektenethik steckt noch in den Anfängen. Klassische wie aktuelle Entwürfe zur Tierethik neigen nicht nur im Prinzipiellen, sondern auch in der Wahl der aufgerufenen Beispiele dazu, Säugetiere und Vögel, oft ergänzt durch Fische, in den Vordergrund zu stellen, während Wirbellose nur am Rand Erwähnung finden. 1 Dass Insekten bis dato kaum „Gegenstand“ der Ethik sind, geht m. E. auch zurück auf eine Wahrnehmungskultur, die bevorzugt zu jenen Tieren Beziehung und Diskurs aufbaut, die Ähnlichkeiten oder Ge- meinsamkeiten mit „uns“ aufweisen. Um Insekten als ethische Akteure ernst zu nehmen, bedarf es einer Wahrnehmungsfähigkeit, die trotz und in einer gewissen Andersartigkeit (z.  B. Exoskelett) Lebewesen mit Interessen und Wert erkennen kann. Am ehesten öffnet sich die Wahrnehmung für Insekten dort, wo sie in ihrer Ästhetik (z.  B. Schmetterlinge), in ihren Künsten (z. B. Termi- studies invite a reconsideration of insects as potential agents endowed with a form of consciousness and perspective on one hand; on the other hand, they reveal the ethical dilemma that humans not only inevitably kill insects but are also capable of deliberately eradicating entire species, e.g. in the fight against malaria. KeywordsKeywords Insects; ethics; Gene Drive; tragic; ethical dilemma; animal trials
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