Höpflinger, Zwischen Farben und Philosophie: Gertrud Simmel (1864–1938)
<p><strong>I - 5.8.2 Zwischen Farben und Philosophie: Gertrud Simmel (1864-1938)</strong> <em><strong>[Between Colours and Philosophy: Gertrud Simmel (1864-1938)]</strong></em> Anna-Katharina Höpflinger</p>
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<h3>Zusammenfassung</h3>
<p>Gertrud Simmel wird 1864 in Potsdam in ein bürgerliches Elternhaus geboren. Sie studiert Kunst, stellt verschiedene Werke aus und heiratet schließlich den Soziologen Georg Simmel. In Berlin öffnet sie ihr Haus für Künstlerinnen, Künstler und Intellektuelle und führt rege Debatten in diesen Kreisen. Selbst schreibt sie unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff mehrere philosophische Werke, darunter auch eine Religionstheorie.</p>
<p>Der Beitrag folgt dem Leben Gertrud Simmels und rekonstruiert Grundzüge ihres Zugangs zu Religion. Am Ende wird reflektiert, wieso Gertrud Simmels Werke noch heute bedeutsam für die Religionswissenschaft sind.</p>
<p class="hdr-keywords"><strong>Schlagwörter:</strong> Gertrud Simmel, Religionstheorie, Erster Weltkrieg, Frauenbewegung, Berlin</p>
</div>
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<h3>Summary</h3>
<p>Gertrud Simmel was born in Potsdam, Germany, in 1864 into a upper middle-class family. She studies art and exhibits her work before marrying the sociologist Georg Simmel. In Berlin she opens her family home to artists and intellectuals with whom she engages in lively debates. Under the pseudonym Marie Luise Enckendorff, she writes philosophical works, including a theory of religion.</p>
<p>This article traces the life of Gertrud Simmel and reconstructs the main features of her approach to religion. Finally, it considers why Simmels work remains relevant to religious studies today.</p>
<p><em><strong>Submitted October 3, 2025, and accepted for publication January 15, 2026 Editor: Dolores Zoé Bertschinger</strong></em></p>
<p class="hdr-keywords"><strong>Keywords:</strong> Gertrud Simmel, theory of religion, First World War, women’s movement, Berlin</p>
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<h2>1 Weder Erkenntnis noch Offenbarung</h2>
<p>„Religion ist ein Zustand, keine Beziehung auf ein Objekt - unerwerbbar, unmitteilbar, unübertragbar; ein Zustand, nicht abhängig von Erkenntnis noch Offenbarung.“<sup>1</sup> Mit dieser Annäherung an Religion beginnt Gertrud Simmel ihr unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff 1919 veröffentlichtes Buch <em>Über das Religiöse</em> . Sie umreißt Religion als etwas Universelles, eine menschliche Möglichkeit des Seins, dessen Funktion eine Strategie des Copings mit den Schrecken des Lebens darstelle: „Religion ist das Vermögen einer Sicherheit, eine dem Menschen mitgegebene Möglichkeit zu existieren, ein Zustand, dem Entsetzensvollen des Lebens standzuhalten, in dem Wankenden festzustehen.“<sup>2</sup> Sie spricht dabei vom Menschen. Während andere Religionstheoretiker ihrer Zeit und bis weit ins 20. Jahrhundert hinein unter „Mensch“ den Mann meinen, subsumiert Gertrud Simmel unter den Begriff „Mensch“ auch die Frau, wie ich im Folgenden zeigen werde.</p>
<p>Gertrud Simmel verbindet in ihrer Annäherung an Religion die Möglichkeit aller Menschen, eine Transzendenzerfahrung zu sammeln, mit der Frage nach einer Funktion von Religion, die sie in einer Strategie des Copings - und ja, ich verwende dabei mit Absicht dieses heute in der Religionswissenschaft populäre Wort, um aufzuzeigen, wie aktuell ihre Gedanken sind - mit den dunklen Seiten des Lebens sieht. Simmel geht dabei davon aus, dass der Alltag für den Menschen „Wankendes“ und „Entsetzensvolles“ bereithalte und dass Religion zwar nicht eine Bedingung, aber eine „Möglichkeit“ darstelle, um im Leben Sicherheit - oder vielleicht aktueller gesagt: Orientierung - zu gewinnen.</p>
<p>Bereits diese wenigen Zeilen, die ihr Buch über Religion eröffnen, zeigen an, wie Gertrud Simmel über die Welt und die Stellung des Menschen - Frau und Mann - darin denkt. Ihre Religionsdefinition ist als eine universale Annäherung gedacht und gleichzeitig, wie jede Definition, auch Ausdruck von Gertrud Simmels Leben und Umfeld. Ich will im Folgenden deshalb zuerst dieses Leben genauer anschauen, um danach über die Relevanz von Simmels Religionstheorie nachzudenken. Das Leben rekonstruiere ich vor allem basierend auf den hervorragenden Forschungen von Angela Rammstedt zu Gertrud Simmel. Angela Rammstedt (1943-2018) war von 1992 bis 2015 Mitglied der Bielefelder Forschungsgruppe „Georg Simmel-Edition“, die die Georg-Simmel-Ge-</p>
<p>samtausgabe herausgab.<sup>3</sup> Rammstedt hat sechs der insgesamt 24 Bände dieser Gesamtausgabe verantwortet und in ihrer Forschung einen speziellen Fokus auf die Frauen im Umfeld Georg Simmels gerichtet. Ich will also keine eigene historische Rekonstruktion des Lebens der Gertrud Simmel unternehmen, sondern danach fragen, welche Relevanz die Theorien dieser bemerkenswerten Denkerin für die Religionswissenschaft heute noch haben.</p>
<h2>2 Vom bürgerlichen Hafen in die Stürme der Welt</h2>
<p>Gertrud Simmel wird am 7. März 1864 in Potsdam geboren, ihr voller Mädchenname ist Johanna Florentine Gertrud Kinel.<sup>4</sup> Sie wächst in einem bildungsbürgerlichen Umfeld auf: Der Vater, Adalbert Kinel (1825-1911), ist als Regierungsbeamter in Preußen angestellt. Bis 1892 arbeitet er im Reichsamt für die Verwaltung der Eisenbahnen, von 1895 bis 1901 amtiert er als Präsident der Preußischen Akademie des Bauwesens.<sup>5</sup> Ihre Mutter, Laura Kinel, geborene Treutler, ist Erzieherin. Auch zwei Tanten mütterlicherseits leben im Haushalt, eine davon, Clara Treutler, arbeitet als Privatlehrerin und hat „eines der ersten Lehrerinnenseminare besucht“.<sup>6</sup> Gertrud verfügt also über gebildete männliche und vor allem auch weibliche Vorbilder in ihrer Familie.<sup>7</sup> Die Kinels sind allgemein einem bildungsbürgerlichen Gedanken verpflichtet, Bildung ist ihnen für alle Kinder, auch die Mädchen - und das war zu jener Zeit nicht selbstverständlich -, wichtig.<sup>8</sup></p>
<p>Religiös wächst Gertrud in einem gemischtkonfessionellen Elternhaus auf. Der Vater ist katholisch, die Mutter evangelisch, weshalb Gertrud einen Einblick in verschiedene Konfessionen erhält. Sie wird zwar römisch-katholisch getauft, aber durch ihre Mutter evangelisch erzogen.<sup>9</sup></p>
<p>Sie hat vier Geschwister: Harald, der bereits als Kind im Jahr 1864 stirbt. Ihre Schwester Helene ist zwei Jahre älter als Gertrud, ihre Schwester Else zwei Jahre jünger. Es folgt der Bruder Albert, der 1868 geboren wird.</p>
<p>Gertrud wird in eine Zeit der Transformationen und großen Hoffnungen hineingeboren. 1871 wird das Deutsche Reich als Nationalstaat gegründet. Kanzler von 1871 bis 1890 ist Otto von Bismarck. Die Industrialisierung hat dieses Kaiserreich fest im Griff. Mit ihr geht ein sozialer Wandel einher. Die Bevölkerung wächst, das Bürgertum wird breiter und soziale Fragen wie die nach einer Lösung des Problems der Armut oder der Stellung der Frau drängen. Diese Themen spiegeln sich auch in Gertrud Simmels Werk. Sowohl ihre Studien zu Religion als auch ihre Bücher über die Stellung der Frau sind geformt von dieser Umbruchzeit, die schließlich im Ersten Weltkrieg ihre destruktive Seite dominieren lässt. Prägnant zeigt folgender Satz, wie Simmel Religion als einen</p>
<p>Umgang mit Unsicherheit, eben gerade in Zeiten des Umbruchs, definiert: „Es ist der Unterschied der religiösen Natur gegen anderen, daß sie Sicherheiten hat, wo andere Fragen haben.“<sup>10</sup></p>
<h2>3 Kunst und Begegnungen</h2>
<p>Gertrud interessiert sich früh, geprägt von diesem Elternhaus, für Kunst und besucht vermutlich die Schule des Berliner Künstlerinnenvereins.<sup>11</sup> „Hans Simmels Hinweis auf einen ‚Abschluß‘ legt die Vermutung nahe“, dass Gertrud wohl die Ausbildung zur staatlich geprüften Kunstlehrerin abschließt.<sup>12</sup> Sie kann den Abschluss frühestens mit 19 Jahren, also 1883, absolvieren. Angela Rammstedt rekonstruiert, dass Gertrud sich nach der Ausbildung zur Zeichnungslehrerin zusätzlich zur Malerinnenausbildung entschließt. Zumindest ein journalistischer Bericht aus dem Jahr 1884 lässt dies vermuten. Denn dieser hebt ein „Frl. Kienel“ unter den Schülerinnen der Klasse der Landschaftsmalerei an der Schule des Berliner Künstlerinnenvereins bei Professor Carl Scherres positiv hervor.<sup>13</sup> Danach setzt sie ihre Ausbildung beim bekannten Porträtmaler Karl Stauffer-Bern fort.<sup>14</sup> Während ihrer Ausbildungsjahre verkehrt Gertrud Kinel in Künstlerinnenkreisen und freundet sich mit der Bildhauerin Sophie Keibel (1864-1951) an, die später den Philosophen Heinrich Rickert heiratet, sowie mit der Malerin Sabine Graef (1864-1942), die den Maler Reinhold Lepsius (den Sohn des Ägyptologen Richard Lepsius) zum Mann nimmt. Durch diese Freundinnen verkehrt Gertrud in einem künstlerisch-intellektuellen Kreis, der sie auch mit ihrem späteren Mann bekannt macht: Die jungen Frauen sind Teil einer Gruppe, die sich die „Zügellosen“ nennt. Ein Kreis, in dem Sabine Graefs Brüder, nämlich der Archäologe Botho und der Germanist Harald Graef, sowie die Germanisten Otto Brahm und Paul Schlenther, der Philologe Julius Hoffory, der Theologe Johannes Lepsius, sein Bruder, der Maler Reinhold Lepsius, der Journalist Fritz Mauthner und Georg Simmel verkehren.<sup>15</sup></p>
<ul>
<li>Doch ein Schicksalsschlag bremst Gertruds Karriere als Künstlerin: Ihre Mut ter wird krank. Sie übernimmt, als einzige noch unverheiratete Tochter, die Verantwortung, eine im damaligen bürgerlichen Kontext logische Handlung, der sich Gertrud kaum hätte entziehen können. Sie pflegt die Kranke und führt den Haushalt. Daneben arbeitet sie weiter als Malerin, indem sie Aufträge übernimmt, um für Museen Gemälde zu kopieren und für Privatpersonen Porträts zu erstellen. Das so verdiente Geld investiert sie in eine Weiterbildung in Paris: Sie fährt an die Académie Julian, um dort im Winter 1889/90, zusammen mit Sabine Graef, Kunst zu studieren. In dieser Zeit beginnt sie auch,</li>
</ul>
<p>ihre Werke, zu denen vor allem Landschaftsbilder gehören, an Ausstellungen zu präsentieren.</p>
<p>Unterdessen hat Georg Simmel - damals 32 Jahre alt - dank einer Erbschaft genügend Vermögen erhalten, um an eine Familiengründung zu denken. Er hält um Gertruds Hand an. Sie ist zu diesem Zeitpunkt 26 Jahre alt und hat eine Karriere als berufstätige ledige Frau im Kopf. Dennoch nimmt sie den Antrag an, allerdings mit eher gemischten Gefühlen, schreibt sie doch in einem Brief an Sophie Rickert, „sie müsse sich in ihr ‚Glück‘ erst noch ‚hineinfinden‘“.<sup>16</sup> Durch die Hochzeitsvorbereitungen tritt das Malen in den Hintergrund. Einige Tage vor dem angesetzten Heiratstermin erleidet ihre Mutter allerdings einen Schlaganfall, worauf die Hochzeit verschoben werden muss.</p>
<p>Am 11.7.1890 heiratet das Paar schließlich und richtet den gemeinsamen Haushalt in Berlin ein. Bereits im April 1891 gebiert Gertrud einen Sohn, Hans Eugen. Er wird evangelisch getauft, später vom Schriftsteller Rudolf Pannwitz, der während des Studiums mit Privatstunden Geld verdient, als Hauslehrer unterrichtet und studiert schließlich Medizin.</p>
<p>Die erste Zeit der Ehe wird überschattet von der dominierenden Schwiegermutter Flora und einer Krankheit: Gertrud Simmel muss sich im Herbst 1891 einer Operation am Unterleib unterziehen, von der sie sich nur schleichend erholt. Erst Anfang 1893 beginnt sie wieder zu arbeiten und versucht, neben Kind und Haushalt die Malerei voranzutreiben. Dies gelingt ihr durchaus: 1895 ist eines von Gertruds Landschaftsbildern in der 1880 gegründeten Galerie Gurlitt, die damals an der Leipziger Straße 131 in Berlin zu finden ist, zu sehen.<sup>17</sup> Dennoch gibt sie nach und nach die Malerei auf und widmet sich der Unterstützung ihres Mannes (auch das logisch für die damalige Zeit) sowie ihren eigenen philosophischen Studien. Gertrud Simmel vernetzt sich allerdings auch weiter in Intellektuellenkreisen. Sie besucht etwa die Salons ihrer Jugendfreundin Sabine Lepsius, die diese ab 1895 regelmäßig organisiert. Dort verkehren unter anderen Lou Andreas-Salomé, Rainer Maria Rilke, Wilhelm Dilthey (den Gertruds Mann nicht so mag), Gertrud Kantorowicz und auch Margarete Susman<sup>18</sup> .</p>
<p>Berlin ist im ausgehenden 19. Jahrhundert eine pulsierende Stadt im Umbruch, vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verändert sie sich aufgrund der Industrialisierung massiv. Hunderttausende ziehen aus ruralen Gebieten in die Stadt und deren Umfeld, um in den Fabriken, oft noch unter prekären Bedingungen, zu arbeiten.<sup>19</sup> Mietskasernen, in denen Fabrikarbeitende wohnen können, verändern das Stadtbild, neue soziale Fragen die Politik und Wissenschaft. Berlin, das seit 1871 als Hauptstadt fungiert, „präsentiert sich um 1900 als Großstadt im Versuchsstadium: stets herausgefordert, Schritt zu halten mit</p>
<p>technischen, demographischen und hygienischen Anforderungen, mit neuen Kommunikations- und Verkehrsformen, Sprachen und Denkweisen“.<sup>20</sup> In diesem Umfeld besucht Gertrud Simmel gesellschaftliche und intellektuelle Events und organisiert bald auch Einladungen und Gesprächsrunden in ihrem Haus. Zu Besuch kommen verschiedene Intellektuelle und Kunstschaffende,<sup>21</sup> unter anderem Marianne Weber und deren Ehemann Max oder Malvine Husserl und deren Mann Edmund. Die mit diesen Denkenden geführten Debatten schüren Gertrud Simmels Interesse für Philosophie, was schließlich zu ihren theoretischen Werken, auch über Religion, führt.</p>
<p>1897 zieht die Familie Simmel in den Bezirk Charlottenburg (heutiges Westend). Dort organisiert Gertrud ab 1907 jeweils montags einen Jour fixe, an dem wiederum verschiedene Intellektuelle und Kunstschaffende teilnehmen. Mit vielen weiteren tauscht sie sich über Briefkontakt aus.<sup>22</sup> Ihr Mann Georg hält zu Hause Privatvorlesungen für auserwählte Studierende und Interessierte, sodass das Haus rege belebt ist.<sup>23</sup></p>
<p>Auch wenn Gertrud Simmel als Künstlerin auch Landschaften inszeniert hat, ist sie vor allem interessiert am Menschen und dem Austausch über aktuelle philosophische und politische Themen. Dies spiegelt sich in ihrem theoretischen Zugang zur Welt und zu Religion, der sich in dieser Zeit ausformt. Getrud Simmels Fragen kreisen um die Stellung des Menschen - und besonders auch der Frau - in der Welt. Der Mensch hat gemäß Simmel eine herausragende Position in der Welt, gerade durch seine Fähigkeit zur Religion, er hat allerdings insofern auch eine besondere Verantwortung gegenüber der Welt, den Mitmenschen und sich selbst. Sie schreibt: „Vielleicht ist die Geschichte der Religion die Geschichte des Verantwortungsgefühles vor jenen beiden Mächten: der Welt und unserem eigenen Wesen.“<sup>24</sup></p>
<h2>4 Von Krieg und Enkelkindern</h2>
<p>Ab 1906 veröffentlicht Gertrud Simmel mehrere philosophische Abhandlungen unter dem Pseudonym Marie Luise Enckendorff: 1906 ihr erstes Werk <em>Vom Sein und vom Haben der Seele. Aus einem Tagebuch</em> , 1910 <em>Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben.</em> Sie setzt sich darin unter anderem mit der Frage nach der Stellung der Frau auseinander. Dabei zögert sie nicht, auch ihrem Mann - und er gilt damals als „Frauenfreund“ - entschlossen zu widersprechen, wie in einem Brief, den Marianne Weber in ihren Lebenserinnerungen zitiert, deutlich wird. Gertrud Simmel schreibt da:</p>
<p>„Ich weiß nicht, ob man sich’s eigentlich erlauben darf, - aber ich habe eine große Ungeduld über alles, was Männer von uns sagen - auch Georg. […] Dass</p>
<p>wir nur einmal wieder Menschen, weibliche Menschen würden anstatt wie jetzt <em>übertriebene</em> weibliche Menschen zu sein, übertrieben durch das ewige Nach-dem-Manne-Hinleben, das wir nun einige tausend Jahre getan haben, und das ich nicht als unser <em>Wesen</em> erfassen kann: ‚Es ist das metaphysische Wesen der Frauen, nur auf den Mann hinzuleben‘, nein das ist ihr <em>historisches</em> Wesen. Was aus uns werden kann, wenn wir’s uns einfallen lassen, einmal auf unseren Herrgott hinzuleben, anstatt auf die Männer, und wenn eine Reihe von Generationen so gelebt haben wird - das wissen wir selber nicht.“<sup>25</sup></p>
<p>In dieser Zeit diskutiert sie rege mit Größen wie Marianne Weber und besucht diese zum Beispiel auch im Juli 1912 in Heidelberg.<sup>26</sup> Marianne und Gertrud werden gute Freundinnen, oder wie Marianne schreibt:</p>
<p>„Unsere Beziehung wurde im Laufe der Zeit sehr innig, und blieb 25 Jahre lang ungetrübt bis zuletzt. Das war etwas Großes; denn Gertrud lebte ohne Kompromisse im Unbedingten und stellte ungewollte hohe ethische Ansprüche. Wenn ein Freund aus der Gnade fiel und sich sinnwidrig verhielt, so konnte sie hart sein, und die Beziehung mit ihm abbrechen. So geschah es mehrere Male. Sie gab sich sehr menschlich, sehr schlicht, sehr verstehend und warm. Aber man musste vor ihr bestehen.“<sup>27</sup></p>
<p>Einen solchen Freundschaftsabbruch gibt es beispielsweise mit dem Lyriker Stefan George; Gertrud Simmel bricht die Freundschaft ab, weil er ein Pamphlet gegen die Frauenbewegung verfasst hatte.<sup>28</sup></p>
<p>1914 zieht Gertrud mit Mann und Sohn nach Straßburg, denn ihr Mann erhält (endlich) einen Ruf als Professor an die dortige Universität.<sup>29</sup> Dieser Umzug fällt weder Gertrud noch Georg Simmel leicht, es ist ein Eintauchen in eine neue soziale Welt. In Straßburg erlebt sie den Ersten Weltkrieg, der ihr Denken erschüttert und ihre späteren Schriften zu Religion maßgebend mitprägt. Ihr Sohn dient in der Sanität aktiv im Krieg. Doch nicht nur Gertruds äußere Welt wird erschüttert, auch ihre private: 1918 stirbt ihr Mann an Krebs. Mit am Krankenbett - und damit Gertrud und Georg zur Seite - steht Gertrud Kantorowicz.<sup>30</sup> Sie ist Kunsthistorikerin sowie Lyrikerin, außerdem die langjährige Geliebte Georg Simmels. Dieser Verbindung entspringt die Tochter Angela, die 1907 in Bologna geboren wird und die Georg nicht sehen will und zu Lebzeiten auch nicht öffentlich anerkennt.<sup>31</sup> Erst nach Georgs Tod bricht Gertrud Kantorowicz das zwischen ihnen abgemachte Schweigen über diese Tochter. Gertrud Kantorowicz bleibt Georg Simmel auch nach dessen Tod verbunden. Sie gibt in den 1920er-Jahren einen Teil seiner Schriften heraus. Kantorowicz’ späteres Leben und Werk wird vom Nationalsozialismus überschattet. Sie wird aufgrund ihres Jüdischseins verhaftet und 1945 im KZ Theresienstadt ermordet.</p>
<p>Gertrud Simmel schreibt in den späten 1910er-Jahren, vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges und ihrer persönlichen Kämpfe, ihr oben genanntes Buch <em>Über das Religiöse,</em> wobei sie - wie gesehen - in expliziten Worten dem Leben und der Welt eine Grausamkeit zuspricht, mit der der Mensch umgehen muss. Religion betrachtet sie als Kontingenzbewältigung mit der Brutalität und dem Unverfügbaren. So formuliert sie am Ende ihres Werkes mit Blick auf den Ersten Weltkrieg:</p>
<p>„Liebet euch untereinander. Das ist Anfang und Grundlage, noch nicht Ausschöpfung und Erfüllung. Wir nehmen die Welt an, die uns gegeben ist, der wir gegeben sind. Wir nehmen sie an von den Granatenzerfetzten unseres Krieges bis zum Sternhimmel; wir verschmalern sie nicht.“<sup>32</sup></p>
<p>Marianne Weber findet dieses Buch beeindruckend: „Frau Simmel tat mancherlei Kriegsdienst, aber sie schrieb außerdem in diesen Jahren ein bedeutendes Buch ‚Über das Religiöse.‘ Ich las es wiederholt, es machte mir tiefen Eindruck.“<sup>33</sup></p>
<p>In den letzten Kriegstagen und nach dem Tod ihres Mannes betont Gertrud in einem Schreiben an Marianne Weber, dass das Wichtigste in einer zusammenbrechenden Welt der Zusammenhalt unter Menschen - und im Kontext dieses Briefes natürlich auch unter Frauen - sei: „Das ist das wohl das Einzige in diesem Chaos, dass Menschen, die bisher einander Freunde waren, zusammenhalten sollten.“<sup>34</sup></p>
<p>Um sie herum und in ihrem Privatleben bricht die bisherig bekannte Welt zusammen. Nicht nur der Tod ihres Mannes verändert ihr Leben, sondern Gertrud muss wegen der französischen Besatzung Straßburgs mit ihrem Sohn die Stadt fluchtartig verlassen, „mit dem Koffer in der Hand“, wie Marianne Weber schreibt.<sup>35</sup> Sie zieht zuerst zu Marianne Weber nach Heidelberg und von dort zu ihrer Schwester zurück nach Berlin. Schließlich wählt sie für sich und ihren Sohn Jena als Wohnort. Sie lebt dort sehr einfach, vor allem ohne Angestellte, wie sie an Marianne, mit der sie in regem Briefkontakt steht, schreibt: „Welch ein stiller Sonntagabend ist dies. Ich sitzen nach selbstgekochtem Abendbrot - im selbstaufgeräumten Zimmer, am selbstgeheizten Ofen, auch noch in ei nem selbstgemachten Kleid und höre keinen Laut.“<sup>36</sup> Marianne Weber, die sich ebenfalls einsam fühlt nach dem Tod ihres Mannes Max im Jahr 1920, überlegt sich, mit Gertrud zusammenzuziehen. Doch diese lehnt ab mit der Begründung, dass ihr Sohn sie brauche, solange dieser noch unverheiratet sei.<sup>37</sup></p>
<p>Doch auch dies ändert sich bald: Hans Simmel heiratet in Jena die jüdische Ärztin Else Rosa Rapp (1895-1964) und wird 1928 Chefarzt des städtischen Krankenhauses in Gera. Gertrud wird Großmutter und beginnt, ihre schließ-</p>
<p>lich vier Enkelkinder<sup>38</sup> zu hüten, eine Tätigkeit, die ihr Freude bereitet, wie Marianne Weber schreibt: „Gertrud war sehr kinderlieb, sie hätte trotz ihrer geistigen Produktivität gern eine ganze Reihe von Kindern gehabt - wie die Orgelpfeifen - sagte sie, nur der eine Einzige - das bedeutete Verzicht. Dafür hielt sie sich später an ihren Enkeln schadlos.“<sup>39</sup> Und: „Die Philosophin wird begeisterte Großmutter und Kinderwärterin. Dies ist neue warme Wirklichkeit neben der Begriffsarbeit. Als ich zu Besuch komme, staune ich. Die hohe Frau schiebt den Kinderwagen durch die Stadt.“<sup>40</sup></p>
<p>Gertrud Simmel ist aber auch in den Jahren in Jena in der Frauenbewegung aktiv und reist in diesem Kontext auch zu Events. 1928 besucht sie zum Beispiel ein Treffen der Frauenbewegung auf der Kölner Presse-Ausstellung, das die Politikerin Gertrud Bäumer organisiert hat.<sup>41</sup></p>
<p>1933, nach der nationalsozialistischen Machtergreifung, werden sowohl Hans Simmel als auch Else Simmel als jüdische Personen aus dem medizinischen Dienst entlassen. Hans Simmel wird „zur Belehrung eine Woche ins Gefängnis gesteckt“.<sup>42</sup> Hans, Else und die Kinder ziehen nach Stuttgart. Die fast 70-jährige Gertrud begleitet die junge Familie und wohnt dort in bescheidenen Verhältnissen, vier Treppen hoch.<sup>43</sup> Marianne Weber schreibt: „Sie litt schwer unter dem Nationalsozialismus, die Bemakelung ihrer Kinder erregte sie leidenschaftlich. Hans galt nunmehr als Jude.“<sup>44</sup> Und das, obwohl Hans Simmel evangelisch getauft war. Das Alter beginnt schwer auf Gertrud Simmel zu lasten, wie wiederum Marianne Weber schreibt:</p>
<p>„Ihre Hände zitterten, das Gehen strengte sie sehr an. Aber sie sprach nicht von ihrem Schwächezustand, sie liess es sich nicht anfechten. Dass sie so ganz allein vier Treppen hoch hauste ohne Telefon, ohne Hilfe, dass sie sich immer noch selbst kochte - täglich Linsen oder Erbsen mit Feldsalat, war das nicht arg? Aber sie wollte es nicht anders. ‚Könntest Du nicht bei Deinen Kindern wohnen?‘ ‚Nein, ich will sie nicht belasten. Ich brauche auch meine Selbständigkeit. Ich muss nachts aufstehen und in meinen Briefen kramen können.‘ ‚Arbeitest Du noch?‘ ‚Nein, das geht nicht mehr.‘ Aber sie las viel, u. a. auch das Neue Testament auf griechisch. Sie rang täglich am Vormittag ihrer Schwäche den weiten Weg zu ihren Kindern ab. - Dort half sie im Haushalt.“<sup>45</sup></p>
<p>Das Verhältnis zu ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und den Kindern blieb bis zuletzt innig.</p>
<p>1938 stirbt Gertrud Simmel in ihrer Wohnung. „Hans fand sie eines Tages entschlafen in ihrem Bett, mit friedevollem Antlitz. Gott sei Dank, sie hatte gerade rechtzeitig ausgekämpft. Was bald danach geschah, hätte ihr das Herz gebrochen.“<sup>46</sup> Sie erlebt nicht mehr, dass ihr Sohn im November desselben</p>
<p>Jahres im KZ Dachau inhaftiert wird. 1939 flieht er über die Schweiz nach Großbritannien. 1940 zieht die ganze Familie in die USA. Trotz dieser gelungenen Flucht stirbt Hans Simmel 1943 an den Folgen seines Aufenthalts im Konzentrationslager, wo er sich Kehlkopftuberkulose zugezogen hatte.</p>
<h2>5 Religion mit Blick auf das Grauen der Welt</h2>
<p>Gertrud Simmel ist Künstlerin, Religionsphilosophin und Feministin und verbindet diese Felder zu einem aufschlussreichen eigenen Denkmosaik, in dem das eine nicht ohne das andere verstanden werden kann. Sie aus dem Kontext ihres Mannes heraus zu deuten, wird ihr nicht gerecht. Es wird Zeit, dass sie aus seinem Schatten treten darf, und zwar als eigenständige Wissenschaftlerin und Klassikerin der Religionstheorie. Diese Religionstheorie ist nämlich bis heute lesenswert.</p>
<p>Simmels Ansatz ist pessimistisch und an Menschen in einer Krise gerichtet: Entstanden im Kontext des Ersten Weltkriegs sowie ihrer privaten Schicksalsschläge wie dem Tod ihres Mannes, bietet Gertrud Simmels Religionstheorie eine Auseinandersetzung mit den Abgründen und dem Schrecken des Menschseins. Sie definiert die Welt fast durchgehend als Chaos und Grauen und sieht die Geschichte des Menschen als eine Abfolge des Versagens und Sich-der-(religiösen)-Verantwortung-Entziehens.<sup>47</sup> Die Religionen (im Plural als gewachsene Traditionen) entstehen gemäß Simmel im Umgang mit dem Schrecken und dem Unverfügbaren der Welt. Religion (im Singular als etwas Universales) würde Großes ermöglichen, aber nach Simmel scheitert der Mensch an seiner eigenen Unzulänglichkeit: „Der Mensch weigert sich der Unendlichkeit; er nimmt sie nicht an.“<sup>48</sup> Der Mensch sei zu oft blind für die Größe der Transzendenz. Die konkreten Religionen seien nur unzulängliche Versuche des Menschen, dieser Transzendenz habhaft zu werden.<sup>49</sup></p>
<p>Trotz ihrer pessimistischen Sicht auf den Menschen bleibt jener im Fokus von Gertrud Simmels Interesse. „Der Mensch ist das Zentrum der Erde“, schreibt sie - und meint damit vor allem, dass er im Zentrum ihres religionsphilosophischen Interesses stehe.<sup>50</sup> Der Mensch ist bei ihr nicht nur der Mann - etwas, was ihre Theorie aus anderen Religionsphilosophien der Zeit heraushebt. Der Mensch ist für sie auch die Frau - und stellenweise erhält man sogar den Eindruck, dass sie über sich selbst schreibt, also eine Form der „Own Voice“ vorlegt, wenn auch in Verklausulierung. Sie schreibt über das Leben und das Leid, das sie als Frau des frühen 20. Jahrhunderts erfahren hat. Auch in ihrem bereits 1910, also vor dem Umzug nach Straßburg und dem Ersten Weltkrieg, veröffentlichten Buch <em>Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechts-</em></p>
<p><em>leben</em> kommt Gertrud Simmels eigener Erfahrungshorizont zum Tragen. Dort kritisiert Simmel nicht nur eine sexualfeindliche Lebenseinstellung, sondern auch die bürgerlichen Eheideale. Sie ruft die Frauen dazu auf, aktiv zu werden und Normen und Werte selbst mitzugestalten. Diesen Ansatz der „eigenen Stimme“ kann man abwerten als eine Vermischung von privatem Erleben und wissenschaftlicher Reflexion. Aus einer Genderperspektive zeigt sich aber genau daran eine beachtliche Stärke von Gertrud Simmels theoretischem Zugang, die in der Religionswissenschaft erst seit wenigen Jahrzehnten anerkannt wird: Wissenschaftliches Nachdenken ist nie „objektiv“, sondern es ist geprägt von Genderkontexten, Erfahrungen und Möglichkeiten.<sup>51</sup></p>
<p>Besonders spannend für unsere religionswissenschaftliche Perspektive ist außerdem Simmels Unterscheidung von Natur und Kultur. Sie antwortet in dieser Frage implizit ihrem Mann und folgt deutlich einer eigenen Sichtweise. Gemäß Gertrud Simmel ist Natur und Kultur nicht philosophisch definierbar, „wohl aber antwortet auf diese Frage ein sehr klares Gefühl“.<sup>52</sup> Simmel reflektiert dabei die Unmöglichkeit einer allgemeingültigen objektiven Definition. Dennoch wird deutlich, welche Definition von Natur hinter ihren Argumenten steht. Natur ist für Simmel das, was nicht erlernbar ist, die Gesetzmäßigkeiten, denen der Mensch spontan folgt. Kultur ist umgekehrt das, was erlernt wird. Gemäß Simmel ist nicht das eine oder andere besser, sondern der Mensch ist eine Synthese aus beidem, eben Natur und Kultur.<sup>53</sup> Diese Gedanken ermöglichen ihr nun, die Unterdrückung der Frau zu kritisieren. Ihre Religionstheorie nimmt dieses Spannungsfeld zwischen Natur, Kultur und dem Menschen in der Synthese beider auf. Religion ist für Simmel etwas Natürliches, etwas, was nicht erlernt wird, sich aber in kulturellen Formen ausprägt. Religion ist etwas Universell-Menschliches, ein „Grundverhältnis zum Dasein, ein Urgegebenes: ein Sichselbstfühlen eines Metaphysischen“.<sup>54</sup> Diese Religion ist „etwas ewig aller subjektiven Beliebigkeit Enthobenes. Eine Seinsintensität.“<sup>55</sup> Da sie Religion selbst als etwas Transzendentes (und nicht als Beschäftigung mit Transzendenz) definiert, spielt für Simmel die emotionale Seite eine bedeutende Rolle zur Erfahrung von Religion. Sie steht bei ihr für die religiöse Erfahrung an erster Stelle, aus dem Emotionalen entsteht eine Gewissheit: „Religion ist das Schaudern, Religion ist Ergriffensein; ist ein Zustand der Verehrung. Religion ist der Zustand, in dem der Mensch eines höheren Maßes für sich und die Welt gewiß ist, als seines eigenen.“<sup>56</sup></p>
<p>Diese Religion, die emotional erfasst wird, eben als Schaudern und Ergriffensein, ist für Simmel universell. Sie ist nicht erlernbar, aber man kann sich quasi „anstecken“, wie Simmel erläutert - und an dieser Stelle erkennt man, dass sie durchaus mit Humor und Wortwitz schreibt: „Der religiöse Zustand</p>
<p>ist unübertragbar außer durch eine Art Ansteckung. Was Proselyten macht ist nicht der Inhalt des Glaubens, sondern der Zustand seiner Bekenner.“<sup>57</sup></p>
<p>Religion sei also etwas universell Mögliches, ein Zustand des Menschseins, aber sie präge sich im Konkreten kulturell unterschiedlich aus, etwa im Glauben an Gottheiten.<sup>58</sup> Dabei wendet Simmel sich gegen eine Idee von Fortschritt von Religion. Sie erklärt, dass man den Gottesglauben zwar als eine Evolution von „unzuverlässigen“ Gottheiten zu einer gültigen „letzten Instanz“ anschauen könne. „Aber diese Geschichte der Religion gibt es nicht. Diese Geschichte der Religion gibt es nur überdeckt von der Geschichte der Religionen.“<sup>59</sup> Wieder wird deutlich, dass sie Religion im Singular als etwas Universales unterscheidet von Religionen im Plural als die konkreten, kultur- und zeitspezifischen Ausprägungen von Religion. Diese Unterscheidung zwischen Konzept und empirisch Beobachtbarem ist auch heute noch gewinnbringend, um die Begrifflichkeiten zu klären und die Annäherung an die Komplexität der menschlichen Schöpfung zu systematisieren. Außerdem betont Simmel - und auch das ist ein ganz aktueller Gedanke -, dass Religionen nie unabhängig von anderen kulturellen Systemen auftauchen. In ihren Worten: „in die sich immer zugleich anderes, religionsfremdes hineinmischt“.<sup>60</sup> Simmel ist also eine Vorreiterin ganz aktueller religionswissenschaftlichen Gedanken und Annäherungen.</p>
<h2>6 Klassikerin der Religionswissenschaft</h2>
<p>Gertrud Simmels Werke wurden zu ihren Lebzeiten durchaus gelesen. Marianne Weber ist nicht die einzige Person, die sie spannend findet. So hat zum Beispiel auch ihre Freundin Lou Andreas-Salomé eine Rezension zu ihrem Buch <em>Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben</em> verfasst.<sup>61</sup> Nach Gertrud Simmels Tod treten jedoch ihre theoretischen Gedanken schnell hinter die ihres Mannes zurück und werden im Gegensatz zu Georg Simmels Theorien bis heute (zu) wenig beachtet. In der Religionswissenschaft wird Gertrud Simmel bisher kaum als Klassikerin rezipiert, obwohl sie ein bemerkenswertes theoretisches Werk über Religion geschrieben hat. Ihr Blick auf Religion ist stark von ihrem zeithistorischen und persönlichen Kontext geprägt und genau deshalb innovativ. Simmel folgt zwar der damals gängigen Praxis, universale Thesen zu formulieren, aber sie nimmt diese gleichzeitig immer wieder - manchmal expliziter, manchmal impliziter - zurück. <em>Über das Religiöse</em> ist eine Religionstheorie, die von ihrer Abfassungszeit geprägt ist mit der Suche nach universalen Antworten auf große Fragen. Sie nimmt sich des Menschen und seiner Stellung zur Welt an. Aber zeitgleich ist das Buch auch die starke</p>
<p>Stimme einer Frau, die einen Krieg erlebt hat, privaten Schmerz kennt, mit Fragen von Gleichstellung hadert und versucht, sich in einer sich rapide verändernden Welt zurechtzufinden. Insofern liegt es auf der Hand, dass ihre Religionstheorie geprägt ist von jüdisch-christlichen Weltbildern und Simmel einer eurozentrischen Linie folgt. Aber umgekehrt integriert Simmel auch die Frauen in ihre Theorie. Gertrud Simmels <em>Homo religiosus</em> ist nicht, wie bei vielen Theorien ihrer Zeit, ein verkappter <em>Vir religiosus</em> , ein religiöser Mann im Sinne eines männlichen Einzelkämpfers in einer Welt, die er zu beherrschen versucht. Sondern Gertrud integriert in die Idee des religiösen Menschen auch die Frau, die sich in einer Welt der äußeren und privaten Zerstörung und persönlicher Unterdrückung zurechtfinden muss. Sie fokussiert auf den Menschen im Alltag, und dieser Alltag ist genauso - oder vielleicht sogar etwas mehr - der von Frauen. Frauen, die das Grauen der Welt ganz handfest im Kontext des täglichen Lebens erfahren. Gertrud Simmel schreibt außerdem nicht nur für ein männliches Publikum, sondern ebenso für Philosophinnen und Künstlerinnen, wie die Rezeption ihrer Werke, beispielsweise mit Besprechungen durch Frauen, zeigt. Die Stellung des Menschen bleibt in Simmels Werk zwar eine herausragende und somit überhöhte, aber es ist nicht mehr nur die Stellung des Mannes, sondern es ist ein Blick auf ein menschliches Kollektiv, das in eine Welt gesetzt wird, die es oft nicht versteht.</p>
<p>Gertrud Simmels Werk ist die deutliche, anklagende, aber auch hoffnungsvolle Stimme einer besonderen Autorin. Es ist ein Werk, dem wir auch heute noch Denkimpulse entnehmen können. Der Aspekt, wie mit dem Grauenhaften und den Krisen der Welt umgegangen werden kann und welche Rolle Religion als Copingstrategie spielt, ist eine Frage, die auch gegenwärtig in verschiedenen Theorien immer wieder neu aufflackert. Die Suche nach einer adäquaten Perspektive für einen theoretischen Blick und das Pendeln zwischen universalisierenden Aussagen und dem persönlichen Kontext ist heute so aktuell wie damals. Und auch die Frage, welcher ideale Mensch, welcher <em>Homo religiosus,</em> in einer Religionstheorie gesetzt wird, ist nach wie vor ein diskutiertes und ungelöstes Problem.</p>
<h2>Literatur</h2>
<h2>_**Primärliteratur**_</h2>
<p><em>Enckendorff, Marie Luise:</em> Vom Sein und vom Haben der Seele. Aus einem Tagebuch, München/Leipzig 1906.</p>
<p><em>Dies.:</em> Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben. München/Leipzig 1910. <em>Dies.:</em> Über das Religiöse, München/Leipzig 1919.</p>
<p><em>Dies.:</em> Kindschaft zur Welt, Jena 1927. Publikationen in Martin Bubers Zeitschrift <em>Die Kreatur.</em></p>
<h2>_**Sekundärliteratur**_</h2>
<p><em>Andreas-Salomé, Lou:</em> Realität und Gesetzlichkeit im Geschlechtsleben. Von Marie Louise Enckendorff. In: Das Literarische Echo, 15, 1912/13, S. 1672-1676; neu abgedruckt in: Andreas-Salomé, Lou: Aufsätze und Essays Bd. 3.1.: Lebende Dichtung (Literatur I), hg. v. Hans-Rüdiger Schwab, Taching 2011, 293-300.</p>
<ul>
<li><em>Bohr, Jörn:</em> Leben. In: Jörn Bohr/Gerald Hartung/Heike Koenig/Tim-Florian Steinbach (Hg.): Simmel-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Berlin 2021a, S. 3-13.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Bohr, Jörn:</em> Kontext, in: Jörn Bohr/Gerald Hartung/Heike Koenig/Tim-Florian Steinbach (Hg.): Simmel-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Berlin 2021b, S. 407-417.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Helle, Horst Jürgen:</em> Einführung in die Soziologie, München/Wien<sup>2</sup> 1997.</li>
</ul>
<p><em>Jung, Werner:</em> Georg Simmel zur Einführung, Hamburg 1990.</p>
<ul>
<li><em>Müller, Hans-Peter:</em> Strangeness as Home. Georg Simmel in Berlin. In: Journal of Classical Sociology 23/4 (2023), S. 481-500.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Oelmann, Ute:</em> Simmel, Johanna Florentine Gertrud (geb. Kinel). In: Achim Aurnhammer/ Wolfgang Braungart/Stefan Breuer/Ute Oelmann (Hg.): Stefan George und sein Kreis. Ein Handbuch, Berlin 2012, S. 1651-1653.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Paul, Barbara:</em> Gertrud Kantorowicz (1876 - 1945). Kunstgeschichte als Lebensentwurf. In: Barbara Hahn (Hg.): Frauen in den Kulturwissenschaften. Von Lou Andreas-Salomé bis Hannah Arendt, München 1994, S. 96-109.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Pezzoli-Olgiati, Daria:</em> „Spieglein, Spieglein an der Wand“. Rekonstruktionen und Projektionen von Menschen- und Weltbildern in der Religionswissenschaft. In: Anna-Katharina Höpflinger/Ann Jeffers/Daria Pezzoli-Olgiati (Hg.): Handbuch Gender und Religion, 2. erweiterte Auflage, Göttingen 2021, 55-68.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Portioli, Claudia/Mele, Vincenzo/Fitzi, Gregor:</em> Angela Rammstedt, a Commemoration. In: Simmel Studies 22/2 (2018), 167-170.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Rammstedt, Angela:</em> Gertrud Kinel/Simmel - Malerin. In: Simmel Newsletter 4/2, Winter 1994, S. 140-162.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Dies.:</em> Paul Ernsts Freundschaft mit Georg und Gertrud Simmel im Spiegel der überlieferten Korrespondenz. In: Horst Thomé (Hg.): Paul Ernst. Außenseiter und Zeitgenosse, Würzburg 2002, S. 187-204.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Ulmi, Marianne:</em> Frauenfragen, Männergedanken. Zu Georg Simmels Philosophie und Soziologie der Geschlechter, Zürich 1989.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Weber, Marianne:</em> Lebenserinnerungen, Hildesheim/Zürich/New York 2004.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Wettstein-Adelt, Minna:</em> 3 ½ Monate Fabrik-Arbeiterin. Eine practische Studie, Berlin 1893.</li>
</ul>
<ul>
<li><em>Zanfi, Caterina:</em> Antonio Banfi. In: Jörn Bohr/Gerald Hartung/Heike Koenig/TimFlorian Steinbach (Hg.): Simmel-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung, Berlin 2021, S. 427-428.</li>
</ul>
<h2>Anmerkungen</h2>
<p class="hdr-footnote"><sup>1</sup> Enckendorff 1919: S. 3.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>2</sup> Ebd.: S. 3.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>3</sup> Vgl. Portioli/Mele/Fitzi 2018.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>4</sup> Zur Biografie siehe: Oelmann 2012: S. 1651-1652. Zur Quellenlage: Rammstedt 1994: S. 141-142.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>5</sup> Vgl. Bohr 2021a: S. 6.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>6</sup> Oelmann 2012: S. 1651.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>7</sup> Vgl. Rammstedt 1994: S. 142.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>8</sup> Vgl. Rammstedt 1994: S. 143.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>9</sup> Vgl. Helle 1997: S. 97.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>10</sup> Enckendorff 1919: S. 2.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>11</sup> Vgl. Oelmann 2012: S. 1651.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>12</sup> Rammstedt 1994: S. 144.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>13</sup> Ebd.: S. 144.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>14</sup> Ebd.: S. 144.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>15</sup> Siehe ebd.: S. 145-146.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>16</sup> Ebd.: S. 147.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>17</sup> Ebd.: S. 152.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>18</sup> Margarete Susman widmete ihr Buch über die Liebe Gertrud Simmel, eine Besonderheit, da nicht so viele Bücher Frauen gewidmet sind. Siehe zu Susman den Artikel in der vorliegenden Handbuchausgabe.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>19</sup> Einen Einblick in das Leben von Arbeiterinnen des ausgehenden 19. Jh. - wenn auch in Chemnitz - bietet Minna Wettstein-Adelt, die <em>undercover</em> über drei Monate lang in Fabriken geforscht hat. Siehe Wettstein-Adelt 1893.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>20</sup> Bohr 2021b: S. 408.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>21</sup> Vgl. Helle 1997: S. 97.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>22</sup> Beispielsweise zur Korrespondenz mit dem Dichter Paul Ernst siehe Rammstedt 2002.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>23</sup> Vgl. Zanfi 2021: S. 427.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>24</sup> Enckendorff 1919: S. 4.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>25</sup> Weber 2004: S. 383-384.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>26</sup> Ebd.: S. 380.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>27</sup> Ebd. S. 381.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>28</sup> Ebd.: S. 381; Oelmann 2012: S. 1652.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>29</sup> Weber 2004: S. 385.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>30</sup> Ebd.: S. 390.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>31</sup> Siehe Müller 2023: S. 495; Paul 1994: S. 99. Es wird bisweilen vermutet, dass Georg Simmel dies aus Rücksicht auf seine Frau getan habe. Siehe Jung 1990: S. 13; Ulmi 1989: S. 107.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>32</sup> Enckendorff 1919: S. 179.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>33</sup> Weber 2004: S. 388.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>34</sup> Ebd.: S. 390.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>35</sup> Ebd.: S. 391.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>36</sup> Ebd.: S. 397.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>37</sup> Ebd.: S. 398.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>38</sup> Eines davon, das älteste, ist die berühmte Psychologin und Textildesignerin Marianne Leonore Simmel (1923-2010), über sie schreibt Gertrud an Marianne Weber: „Deine Namensschwester Marianne läuft nun schon und hält grosse Reden dabei, die aber die dummen Leute von 1 Jahr aufwärts nicht verstehen. Sie ist derb und rotbäckig und von verheerender Lebhaftigkeit, auf der Strasse etwas unbequem, weil sie mit allen Leuten und Hunden anbändelt“, ebd.: S. 403-404.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>39</sup> Ebd.: S. 376.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>40</sup> Ebd.: S. 402.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>41</sup> Ebd.: S. 157.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>42</sup> Ebd.: S. 407.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>43</sup> Siehe ebd.: S. 375-409.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>44</sup> Ebd.: S. 407.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>45</sup> Ebd.: S. 408.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>46</sup> Ebd.: S. 408.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>47</sup> Enckendorff 1919: S. 6.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>48</sup> Ebd.: S. 8.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>49</sup> Ebd.: S. 9.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>50</sup> Ebd.: S. 9.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>51</sup> Vgl. Pezzoli-Olgiati 2021.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>52</sup> Enckendorff 1920: S. 8.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>53</sup> Ebd.: S. 18.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>54</sup> Enckendorff 1919: S. 4.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>55</sup> Ebd.: S. 4.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>56</sup> Ebd.: S. 4. 57 Ebd.: S. 4. 58 Ebd.: S. 5. 59 Ebd.: S. 5-6.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>60</sup> Ebd.: S. 6.</p>
<p class="hdr-footnote"><sup>61</sup> Andreas-Salomé 1912/13.</p>
Gertrud Simmel was born in Potsdam, Germany, in 1864 into a middle-class family. She studies art and exhibits her work before marrying the sociologist Georg Simmel. In Berlin she opens her family home to artists and intellectuals with whom she engages in lively debates. Under the pseudonym Marie Luise Enckendorff, she writes philosophical works, including a theory of religion. This article traces the life of Gertrud Simmel and reconstructs the main features of her approach to religion. Finally, it considers why Simmels work remains relevant to religious studies today.
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